Freitag, 16. Juni 2017

Musenhof am Kirchberg


Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Sie bevorzugen den Großen Salon, nehmen aber auch mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur - hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die Bücherwand im Gro0en Salon mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.

Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.

Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten.  Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.

Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.

Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man schlummert selig ein.



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Dienstag, 9. Mai 2017

Abwechslung um jeden Preis


„Hallo Margret, du siehst aber recht mitgenommen aus. Was ist los?“ Johanna saß bereits am Tisch in der Cafeteria, ihre weißen Haare glänzten in der Sonne. Margret sank langsam auf einen Stuhl und seufzte.
 „Allerdings,“ murmelte sie.
„Erzähl mal“, sagte Irmtraud, die auch schon Kaffee und Kuchen vor sich stehen hatte.
„Neun Uhr dreißig Sitzgymnastik mit Musik im Gymnastikraum.“
„Schön, hab ich auch mal gemacht“, bekannte Gerda und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Du? Wirklich? Hätte ich nicht von dir gedacht.“ Johanna wunderte sich, so kannte sie Gerda gar nicht.
„Wieso, was hast du gegen Sitzgymnastik, zu spießig?“, antwortete die. Und Margret fragte spitz: „Ist dir wohl zu simpel?“
„Nun mal mit der Ruhe, keinen Streit wegen Sitzgymnastik, meine Lieben.“ Irmtraud pochte mit dem rechten Zeigefinger auf den Tisch. Sie war das Haupt und der Mittelpunkt der kleinen Gruppe von älteren Damen, die im Haus am Kirchberg wohnten und sich ab und zu bei Kaffee und Kuchen in der Cafeteria des Hauses trafen.
Johanna kam zu ihrer Frage zurück und meinte: „So stressig ist es aber doch wirklich nicht.“
„Nein, natürlich nicht – aber anschließend um zehn Uhr Nordic Walking“, sagte Margret in leidendem Ton.
„Na, ja, Geschmackssache, sieht irgendwie unelegant aus.“ Irmtraud, auch zuständig fürs Elegante, was man an ihrer erstklassigen Garderobe ablesen konnte. Außerdem exzellenter Haarschnitt. Düsseldorfer Friseur natürlich.
Den anderen war anzusehen, dass auch sie es unelegant fanden.
„Eigentlich hätte ich jetzt gerade im Gedächtnistraining sein sollen,“ fügte Margret noch an und orderte erst einmal einen Cappuccino, zufrieden mit dem Gedanken, dass sie mal wieder schwänzte. Aber dieser Kaffeeklatsch war ihr wichtig.
„Ach verflixt, das habe ich total vergessen, ich auch,“ rief Johanna und machte Anstalten aufzustehen.
„Zu spät“, sagte Margret. Und Susanne musste unbedingt eine ihrer Spitzen loswerden:
„Wozu Gedächtnistraining? Anscheinend doch für die Katz.“ Johanna nahm’s nicht so ernst, sank wieder auf den Stuhl zurück und lachte. „Na, dann morgen Vormittag.“
„Kann man denn von einer Gruppe in die andere wechseln?“, fragte Irmtraud.
„Nein, das wohl nicht, aber ich geh immer in beide.“
„Ach,“ sagte Irmtraud nur. Und Susanne grinste.
Margret fragte: „Wieso Gedächtnistraining, ich hab dich da noch nie gesehen.“
„Kannst du auch nicht, denn du bist wohl um drei Uhr bei Frau Maierling und ich um drei Uhr dreißig bei Herrn Überall.“
„So viel Gedächtnistraining an einem Tag?“, fragte Susanne.
„Täglich irgendwann und irgendwo. Mal nur für Damen, mal nur für Herren, mal gemischt.

 „Hat jemand von euch denn schon mal beim kreativen Arbeiten mitgemacht?“, fragte Irmtraud. „Ich wollte immer mal beim Mandalamalen einsteigen, aber um elf Uhr morgens bin ich noch nicht in der richtigen Stimmung. Da langt es allenfalls für Atem- und Entspannungsübungen, das tut wirklich gut.“ Irmtraud setzte an, die Übungen zu demonstrieren, fand es dann aber wohl zu unelegant. Wollte keinen Anlass zu kritischen Bemerkungen bieten.
„Früher gabs ja mal einen Kurs in Seidenmalerei, ich hab noch reichlich Schals in der Schublade. Müsste ich mal wieder hervorholen.“ Johanna guckte wehmütig und griff nach dem Schal, den sie um den Hals trug, der sah allerdings nicht selbstgemacht aus, eher designermäßig.
A propos Sitzgymnastik“, Margret griff das Thema wieder auf.
„Ja? Gibt’s da was Neues?“, fragte Johanna.
„Einmal Krankenhaus: Sturz, und einmal Essen in der Wohnung: Grippe.“
„Ja, der Schwund ist groß“, resümierte Irmtraud.
„Aber wenigstens kommen die wieder“, versuchte sich Margret in Optimismus.
„A propos Sturz, ich war mal eine Zeit bei der ‚Sturzprävention‘, Donnertagnachmittag. Kollidierte dann leider mit meiner Runde Rummicub.“
Gerda sah plötzlich nach Aufbruchstimmung aus. „Genau wie jetzt – ich muss los.“

Enttäuscht blieben die vier restlichen Damen zurück. Schweigen breitete sich aus, es hatte was Meditatives. Bis Susanne aufschreckte und rief: „Wisst ihr, wer gestern beim Dart gewonnen hat?“
„Dart? Nein, nichts für mich – meine Augen“, Johanna war auch mehr die Intellektuelle und anscheinend nicht neugierig.
„Ja, wer denn?“, fragte Margret.
„Herr Müller-Reinshagen.“
„Was? Na, der ist aber sportlich, der kegelt doch auch.“ Gerda hatte es auch mal versucht, angestiftet von eben jenem Herrn Müller-Reinshagen. Es war ihr zu dunkel gewesen in der Kegelbahn und zu laut, nix für sie. Sie hatte es lieber hell und ruhig.
„Nicht nur das, den sieht man auch im Billardzimmer.“ Irmtraud wohnte im Haupthaus und kam immer an diesem Raum vorbei, wenn sie in die Halle wollte.
„Und das letzte Sportfest hat er auch organisiert.“ Daran erinnerte sich Gerda.
„Sportfest, was soll das denn gewesen sein?“, fragte Susanne, die Kritische.
„Mit Bällchen und mit Ringen werfen und dazwischen isotonische Getränke, damit auch alle durchhielten.“ Gerda sah Susanne an und beide lachten lauthals.
„Hans Dampf in allen Gassen, der Herr Müller-Reinshagen, der ideale Bewohner dieses Hauses.“



Sonntag, 16. April 2017

Höllenfahrt


Susanne hatte fast fünf Minuten auf den Aufzug gewartet. War von einem Fuß auf den anderen getreten. Um diese Zeit, kurz vor der Mittagsmahlzeit, war das keine Seltenheit. Aber es trübte die Stimmung immer aufs Neue. Von der siebten Etage zu Fuß bis ganz unten zum Speisesaal, das wollte sie ihren Knien nicht zumuten.
Der Aufzug war dann ganz leer und sie ging gleich durch bis an die hintere Wand. Er würde nicht leer bleiben. Schnell noch ein Blick in den Spiegel, ja, die Bluse saß und die Frisur auch.


Auf der sechsten Etage wartete das Ehepaar Schmidt-Schleiermacher, sie im Rollstuhl. Beide hocherfreut über so viel Platz. Ungewohnt um diese Zeit. Manchmal hatte der Aufzug Launen und brachte Leute von den unteren Stockwerken nach oben, obwohl sie eigentlich alle nach unten zum Mittagsessen wollten. Man begrüßte sich freundlich. Susanne machte eine Bemerkung über den schicken roten Pullover und fragte nach dem Befinden. Mäßig, wie immer.  

Fünfte Etage: zwei Damen samt Rollator, beide. Sie beklagten sich lautstark, dass sie so lange hatten warten müssen. Die Insassen zu begrüßen, wie es eigentlich üblich war in diesem vornehmen Haus, ersparten sie sich heute. Schmidt-Schleiermachers und Susanne sahen sich an: was will man auch erwarten … Nicht alle hatten ihr Niveau. Der Fahrstuhl setzte sich mit Verzögerung in Bewegung, weil Frau Marbach unbedingt sofort ihren Rollator drehen wollte, halb auf der Schiene des Aufzugs. Der stieß ein mahnendes Fiepen aus, ungehört. Frau Stein, die zweite Dame, schob sich schweigend neben den Schmidt-Schleiermacher-Rollstuhl.

Vierte Etage: Herr Lautstark, Susanne murmelte den Spitznamen und wartete gespannt. Und tatsächlich: „Würden Sie sie bitte den Rollator so stellen, dass auch ich noch hinein passe?“ Laut, weil schwerhörig, ergänzte Susanne bei sich. Frau Marbach ruckelte an ihrem Gerät, es tat sich nichts. „Wie blöd kann man sein – Sie müssen in der Mitte hochziehen, dann klappt er zusammen.“ Der Rollator.
„Wie reden Sie denn mit mir?“ Frau Marbach war zu recht empört und stellte ihre Bemühungen ein. Der Aufzug ließ wieder sein mahnendes Geräusch hören, gefühlt viel schriller als eben. Herr Lautstark stand voll auf der Schiene, griff jetzt nach der Schlaufe auf dem Rollator von Frau Marbach und brachte ihn tatsächlich in eine Position, die ihm, dem Herrn Lautstark erlaubte, in den Aufzug hinein zu kommen. „Guten Tag, meine Herrschaften, was gibt’s denn da zu glotzen?“ Laut. Alle richteten sofort ihre Blicke zu Boden – Streit mit Lautstark – nein, danke. Man war nun zu fünft. Herr Lautstark hatte reichlich Platz. Wer wollte schon mit ihm in Tuchfühlung sein.

Dritte Etage: Frau Klein mit Krücken. „Würden Sie bitte etwas Platz machen, Sie sehen doch, dass ich behindert bin.“ Ja, das sah man, aber wie sollte man sich aufstellen, damit Frau Klein samt Krücken Platz hatte?
„Frau Marbach, sie könnten Ihren Rollator drehen und der Rollstuhl, kann der nicht noch etwas weiter nach hinten?“ Offensichtlich war Frau Klein ans Kommandieren gewöhnt. Der arme Mann, dachte Susanne. Und schrie auf: „Halt, meine Füße.“ Der Rollstuhl war mit einem Ruck bewegt worden. Herr Schmidt-Schleiermacher war nicht der Übeltäter.
„Stellen Sie sich nicht so an“, zischte Frau Klein. Sie lehnte sich jetzt bequem an die Wand, die Krücken zur Abwehr vor ihrem Bäuchlein versammelt. Bäuchlein, so nannte sie, was andere eine Wampe nannten. So etwas fiel Susanne ein, die Sinn für Gemeinheiten hatte.

An der zweiten Etage hielt der Aufzug ein weiteres Mal. Herr Bergmann, ein etwas schüchterner grauhaariger Mann, versuchte, einen Platz zu ergattern. Die schräg gestellten Krücken hinderten ihn daran.
„Warum müssen Sie unbedingt mit diesem Aufzug fahren, Sie haben doch dahinten einen weiteren auf dieser Etage. Zu faul die paar Schritte zusätzlich zu laufen.“ Frau Klein war nicht zu bremsen. Der schüchterne Herr Bergmann wisperte: „Der Aufzug ist kaputt.“ Keine Entschuldigung von Frau Klein. Herr Lautstark nickte ihr zu.
 
Und auf der ersten Etage: Frau Angenfort, gut gelaunt wie immer. „Da sind wir ja wieder alle zusammen. Ja, wenn es an die Krippe geht.“ Sie lachte fröhlich. Niemand sonst.

Erdgeschoß. „Na dann wünsche ich guten Appetit.“ Frau Angenfort, immer noch gut gelaunt und freundlich, verließ den Aufzug als Erste und nahm Kurs auf den Speisesaal. Frau Klein hatte ihre Krücken in Position gebracht, dem schüchternen Herr Bergmann gelang gerade noch der Sprung aus dem Aufzug. Herr Lautstark, oh Wunder, ließ Frau Klein mit einer höflichen Geste den Vortritt. Die ließ sich Zeit, versperrte breitkrückig den Weg, so dass Frau Marbach keine Möglichkeit hatte, ihren Rollator in Stellung bringen. Man sah ihr deutlich an, dass sie versucht war, dem vor ihr stehenden Herrn Lautstark in die Hacken zu fahren. Da man sich kannte, verkniff sie sich die kleine Rache, drehte sich um und grinste Susanne an. Die stand immer noch auf ihrem hinteren Platz, festgenagelt vom Rollstuhl, der seinerseits noch nicht in Richtung Ausgang bewegt werden konnte.
Frau Schmidt-Schleiermacher hatte die Augen geschlossen, sichtlich entnervt. Warum mussten sie auch auf der sechsten Etage wohnen – jeden Tag die gleiche Höllenfahrt.


Samstag, 1. April 2017

Hausputz total


„Der Frühling ist da.“
„Ja, der Frühling ist da und mit ihm der Hausputz.“
„Ja, der Hausputz, ich hab‘ schon angefangen.“
Gerda saß mit ihren Tischnachbarinnen beim Kompott zusammen. Frau Ebermaier, rundlich, sehr rundlich, und Frau Busch, eher ein wenig streng. Von Frau Ebermaier wusste sie, dass sie die Reinhaltung ihrer Wohnung sehr ernst nahm. Frau Busch hatte also schon angefangen mit dem Hausputz. Donnerwetter. Ob sie fragen sollte, womit denn, dachte Gerda. Frau Busch erzählte freiwillig:
„Ich habe mit der Küche angefangen¸ das ist so schön überschaubar.“ Da hatte sie Recht, die Küchen waren zwei Quadratmeter groß, plus minus einige Quadratzentimeter, je nach Lage. „Ich hab‘ alles Porzellan gespült, wird so wenig davon gebraucht. Der Rest verstaubt.“
Ja, auch das stimmte, Gerda und Frau Ebermaier nickten. Morgens das Frühstücksservice, abends auch nur ein kleines Gedeck. Das Mittagessen wurde ja im Speisesaal serviert.
„Erfreulicherweise habe ich auch einen lange vermissten Meißenteller wiedergefunden.“ Man sah Frau Ebermaier an, dass sie sich wunderte:  da ist offensichtlich wirklich lange nicht gespült worden.

Frau Ebermaier hatte noch nichts zu erzählen, Gerda war gespannt auf morgen. Sie wollte sicher nicht ins Hintertreffen geraten und beweisen, wie man einen Haushalt zu führen hatte. Mochte er auch noch so klein sein. Hatte sie nicht kürzlich erzählt, dass sie regelmäßig die Fußleisten abstaubte? Obwohl ihr das Bücken so schwer fiel. Auf diese Mitteilung hin hatte es eine längere Diskussion gegeben, ob es im Erdgeschoss, Straßenseite, mehr staubte als im dritten Geschoss, bei Frau Busch, Gartenseite, oder bei ihr, im fünften, ebenfalls Gartenseite. Auch eine Befragung der Putzfrauen durch Frau Ebermaier hatte kein Ergebnis gebracht. Keine Ahnung – wahrscheinlich auch kein Interesse. Sie putzten überall gleich lang, eine Viertelstunde pro Woche. Allerdings mal zwei.
Gerda war bei der Gelegenheit eingefallen, dass eine ihrer Schwägerinnen verdächtigt wurde, sogar die Ritzen zwischen den Fußbodenbrettern mit der Zahnbürste zu reinigen. Den beiden Damen hatte sie davon nichts erzählt, es war ihr zu peinlich. Außerdem war das lange her, heutzutage gab’s keine Holzdielen mehr. Hier im Haus entweder Teppichboden, oder Parkett oder Laminat, je nach Geldbeutel.

Gerda überlegte, was sie zum Thema Frühjahrsputz beitragen könnte. Auch sie lebte gern staubfrei. Sie hatte sich einen Staubwedel gekauft – aus Straußenfedern. Damit machte das Entstauben richtig Spaß, man wischte nicht oder vielmehr nur darüber hin. Bei der ersten Probe war sie erstaunt gewesen, dass der Staub tatsächlich verschwunden war. Sie musste die kleinen Porzellanfigürchen nun nicht mehr einzeln in die Hand nehmen, sie flog sozusagen darüber hin und alles war gut. Damit würde sie  allerdings die beiden Damen nicht beeindrucken, das wusste sie. Diese Art des Entstaubens war schon einmal Thema gewesen.
Ha! Bücher entstauben. Aber nicht mit dem Wedel, sondern per Hand. Aber nicht heute, morgen war auch noch ein Tag. Und außerdem gab es den Ausweg, Frau Kruschel um Unterstützung zu bitten, ihre frühere Putzhilfe.

„Meine Damen, Sie sind doch erfahrene Hausfrauen – Sie müssen mir einen Rat geben.“ Frau Busch guckte aufmerksam, Gerda abwartend.
„Es geht um die Abdeckung meiner Balkonmöbel. Wo kann ich sie wohl säubern?“
Keine Antworten.
„Früher habe ich das im Keller unseres Hauses gemacht. Einfach mit dem Schlauch. Wissen Sie, ob es hier im Haus einen Raum für so etwas gibt?“ Gerda hielt das für unwahrscheinlich, Frau Busch auch.
„Wie wäre es mit der Dusche?“, wagte Gerda einen Rat, sie konnte es sich vorstellen.
„Um Gottes Willen, so viel Schmutz in meiner Dusche. Das spritzt doch. Der ganze Boden. Und meine Kleidung.“ Ja, konnte sein.
„Ich könnte vielleicht …, ich müsste vielleicht …“ Gerda und Frau Busch guckten neugierig. Was wohl?
„Ich müsste das vielleicht nackt in Angriff nehmen.“ Gerda guckte verblüfft. Meinte sie das wirklich? Frau Busch schluckte etwas herunter. Und beide versuchten verzweifelt, sich diese Aktion nicht vorzustellen.




Donnerstag, 16. März 2017

Der Meistersinger


„Du, Gerda, ich bin gestern Nachmittag am Großen Salon vorbeigekommen und fand euren Gesang sehr schön. Habt ihr neue Mitglieder?“
Johanna, Margret, Gerda und Elvira saßen bei Kaffee und Kuchen beisammen. Sie hatten einen Tisch an der Fensterfront der Cafeteria ergattert. Waren besonders früh, nämlich schon um halb drei aufgelaufen – sonntags war es immer so voll.
„Ja, zum Beispiel Frau Ewerwein, erst vor einem Monat eingezogen.“ Gerda war schon länger Mitglied der Gruppe, die sich am Samstagnachmittag der Volksmusik widmete. Loblieder kamen bei ihr sehr gut an. Das wusste Elvira, die neu in der Gruppe war und noch Boden gut machen musste.


„Ich bin gestern auch vorbeigekommen und mir hat besonders eine Männerstimme imponiert.“ Margret beugte sich zu Gerda hinüber.
„Das war dann sicher Walther von der Vogelweide.“
„Wie bitte?“  „Wie heißt der?“  „Soll wohl ein Witz sein?“ Drei erstaunte Ausrufe. Gerda lachte schallend.


„So nennen wir ihn, hinter seinem Rücken natürlich. Obwohl ich glaube, dass er eher geschmeichelt wäre als beleidigt.“
„Er liebt wohl Balladen?“ fragte die gebildete Johanna. Sie war einmal Bibliothekarin gewesen, ihre kurz geschnittenen weißen Haare wiesen sie noch immer als Intellektuelle aus.
„Ja, tatsächlich, aber er kommt selten zum Zuge. Wir haben es lieber leichter. So neu ist der aber nicht, gehört schon zu den Gründungsmitgliedern“, erklärte Gerda.
„Warum nennt ihr ihn denn so seltsam?“, fragte Elvira, man sah ihr an, dass der Name Walther von der Vogelweide ihr nicht so geläufig war.
„Ganz einfach – er hält sich für einen Meistersinger.“ Jetzt lachten alle vier.

Gerda und Johanna waren auf dem Weg vom Aufzug zu ihrer jeweiligen Wohnung auf der dritten Etage. Sie kamen vom Mittagessen. Johanna fragte:“ Wo wohnt eigentlich der Meistersinger?“
„Hier auf unserer Etage. Wir sehen ihn selten, weil er zu einer anderen Zeit zu Tisch geht.“
„Ach.“
„Was ist?“
„Bei mir am Tisch war die Rede davon, dass er Gesangsunterricht nehmen will.“
„Toll, das verbessert die Runde um einiges.“

Wieder mal saßen die vier Damen beieinander. Johanna und Margret waren sichtlich missgestimmt.
„Was ist los mit euch? Ist euch eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte Gerda.
„Wie macht sich eigentlich der Meistersinger in eurem Kreis?“, fragte Margret.
„Warum fragst du? Willst du von deiner schlechten Laune ablenken? Wir finden alle, dass er sich gesteigert hat. Es ist ein Genuss, ihm zuzuhören.“
„Walther von der Vogelweide war ein Minnesänger“, mischte Elvira sich ein. Sie hatte ihr Wissen erweitert, mit Hilfe von Google, wie sie freimütig gestand.
„Unserer auch, er tätschelt auch ganz gern mal seine jeweilige Sitznachbarin. Verbunden mit einem Kompliment, allerdings nicht in gesungener Form.“ Gerda plauderte aus der Schule. „Aber er hat sich wirklich gesteigert. Wir werden ihn sicher bald nur noch ‚Meistersinger‘ nennen, das hat er verdient.“ Gerda war ganz enthusiastisch.
„Auf Kosten seiner Nachbarn.“ Johanna äußerte sich mit grämlich verzogenem Mund.
„Wie meinst du das denn?“, fragte Elvira.
„Wie ich es sage.“
„Ich kann euch das erklären“, sagte Margret, wollte wohl die schlechte Stimmung nicht ausufern lassen. Sie holte tief Luft und fuhr fort:“ Er nimmt Gesangsunterricht.“
„Ja, das hat er anklingen lassen.“ Gerda.
„Aber das ist doch schön.“ Elvira.
„Nein.“ „Nein, ganz und gar nicht.“ Margret und Johanna.
„Also raus damit, was ist los?“ Gerda.
„Er hat sich irgendwoher ein Klavier kommen lassen und einen Gesangslehrer engagiert. Ihr wisst, wie dünn die Wände sind.“ Margret.
„Dreimal die Woche!“ Johanna. „110 Dezibel.“ Margret. „Entspricht dem Lärm einer Kettensäge!“ Johanna. „In der Wohnung.“ Margret.


Sonntag, 5. März 2017

Was macht der Gärtner auf der sechsten Etage?


Susanne von der siebten, Gerda von der fünften und Johanna und Margret von der dritten Etage saßen zusammen in der Cafeteria. Die Sonne schien, es war Frühling, sein Duft wehte durch die offenen Fenster. Gemischt natürlich mit dem von Kaffee und Kuchen. Was für eine schöne Mischung. Die vier Damen waren zufrieden und es fehlte ihnen auch nicht an Gesprächsstoff.
„Habt ihr eine Ahnung, was ein Gärtner ständig auf der sechsten Etage zu suchen hat?“, fragte Margret.
„Haben wir denn neuerdings einen Dachgarten?“ Johanna schreckte von ihrem Kuchenteller hoch.
„Aber Johanna­ …“, empörte Stimmen, empörte Blicke der drei anderen.
„Ja, stimmt, der könnte höchstens auf der siebten Etage sein.“ Johanna, ziemlich beschämt.
„Da ist aber auch keiner, das müsste ich wissen“, sagte Susanne.
„Woher weißt du denn was von einem Gärtner und der sechsten Etage, Margret?“, fragte nun Gerda und war sichtlich neugierig.
„Ich sehe ihn mehrmals die Woche rauffahren.“
„Aber du wohnst doch auf der Dritten.“ Gerda.
„Stimmt, aber ich seh‘ doch, welchen Knopf er drückt.“ Das sahen alle ein.
„Wir könnten doch mal die Blumenkästen auf der Sechsten inspizieren, ich lade euch ein.“  „Natürlich nur zum Gucken“, fügte die geizige Susanne gleich an.
„Keine schlechte Idee, vielleicht eine Anregung für den eigenen Blumenkasten“, Gerda war auf alles neugierig.
„Ja, das machen wir, wir kommen mit“, sagte Margret, die die Frage geklärt haben wollte. Johanna schwieg.

Kaffee und Kuchen waren getrunken und verzehrt, deutlich schneller als normalerweise. Die vier Damen gingen zum Aufzug und fuhren zur siebten Etage. Vom Balkon aus hatten sie einen guten Blick auf sechs Blumenkästen an sechs Wohnungen. Mehr als einen pro Wohnung gab es nicht.

„Ich seh‘ nichts Besonderes.“
„Ich auch nicht.“
„Geranien, frisch gepflanzt, Stiefmütterchen – schon etwas vergammelt. Daneben nackte Erde.“ Margret zog Bilanz, die anderen stimmten ihr zu – nichts, aber auch gar nichts Besonderes, zu dem man ständig einen Gärtner beschäftigen musste. Stumm sahen sie sich an. Vier Köpfe, ein Gedanke.  
„Aber was kann einen denn an dem dicken Gärtner interessieren“, Susanne brachte es auf den Punkt.
„Wieso dicken Gärtner?“, fragte Margret zurück.
„Wir haben doch nur den einen hier im Haus“, meinten die anderen.
„Ja, aber doch nicht unser Herr Schmidt! Viel jünger, schlanker, knuspriger sozusagen.“
„Aber woher weißt du denn, dass es ein Gärtner ist?“, fragte Johanna, die ihre dumme Frage von vorhin vergessen glaubte.
„Große grüne Schürze, Aufschrift ‚Gärtnerei Blumenschön‘. Und immer ein paar Blümchen in der Hand.“
„Na, dann kommt erst mal ins Wohnzimmer und setzt euch“, sagte Susanne. Sie verließen den Balkon und nahmen in Susannes Sesseln Platz.

„Wer kommt in Frage?“, begann Margret die Diskussion. Sie hatte schließlich das Thema in Gang gebracht.
Gut, sie wohnten alle vier schon länger in der Seniorenresidenz, aber wer wo wohnte, das wussten sie nicht, hatte sie bisher auch nicht interessiert. Aber jetzt …
„Wir könnten hinuntergehen und auf der Hinweistafel nachsehen, wer alles hinter den Blumenkästen wohnt.“ Susanne, findig wie immer, hatte die richtige Idee.
„Aber alle zusammen? Wie sieht denn das aus, wenn uns jemand sieht?“ Johanna fand das gar nicht gut, sie wollte nicht als Schnüfflerin in Verruf kommen. Die anderen wohl auch nicht. Aber es war doch ganz einfach. „Ich gehe“, sagte Margret. Und schon war sie weg und wieder da
. Hatte ein Notizblöckchen in der Hand und schwenkte es munter.

Das Rätselraten kam in Gang. Die teils anstößigen Vermutungen sollen hier verschwiegen werden. Höchst unschön. Ein Ergebnis gab es nicht. Natürlich nicht. Man versprach sich, aufmerksam zu sein.

„Übrigens, der Sohn von Frau Eberhard hat die Gärtnerei Blumenschön gekauft - hat sie heute beim Mittagstisch erzählt. Und weil die in der Nähe ist, hat er jetzt mehr Zeit, seine Mutter zu besuchen.“ Ohne eine Miene zu verziehen unterrichtete Gerda ihre Mitverschwörerinnen.

Mittwoch, 22. Februar 2017

Unter uns gesagt

„Sag mal, Johanna, hast du auch manchmal das Gefühl, dass du beobachtet wirst?“, fragt Margret und sieht sich um.
„Beobachtet? Von wem denn?“
„Ja, wenn ich das wüsste, ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht allein bin“, Margret.
„Wie, nicht allein? In deiner Wohnung? Das kann doch nicht sein, so groß sind unsere Wohnungen doch nicht.“ Johanna sieht deutlich verwirrt aus.
„Nicht nur, auch vor dem Aufzug. Ich dreh‘ mich vorsichtig um, aber nichts zu sehen. Trotzdem so ein blödes Gefühl.“ Margret.
Johanna betrachtet Margret, eine Nachbarin, mit der sie sehr vertraut ist, skeptisch:
„Ich wohne doch auf dem gleichen Flur wie du, ich bemerke nichts davon.“ Auch bei näherer Betrachtung findet sie, dass Margret ganz wie immer aussieht. Nicht verwirrt oder sonst wie anders.
„Du denkst wohl, ich spinne“, fragt Margret jetzt ängstlich. Bereut wohl schon, dass sie davon angefangen hat.
„Nein, nein, was denkst du denn, irgendwas muss dich ja stören. Lass uns doch gleich gemeinsam rauffahren, dann kann ich darauf achten, ob mir was auffällt.“
Das findet Margret nett von Johanna und so gehen sie schweigend den Gang entlang vom Speiseraum zu den Aufzügen. Sie sprechen nicht mehr miteinander, damit sie aufmerksamer auf ihre Umgebung achten können. Nichts.
Im Aufzug dann:
„Und, Johanna, spürst du es auch?“
„Was denn?“
„Als wäre außer uns beiden noch eine dritte Person hier drin, natürlich unsichtbar.“
Johanna spürt nichts. Wie unsensibel. Vielleich liegt es an ihr, dabei ist doch eigentlich Margret die Handfeste, die Praktische. Im Aufzug ist nichts Ungewöhnliches, das einzig Technische ist die Lüftung. Und natürlich die Bedienungsknöpfe. Und das Mikrofon, verbunden mit einem Lautsprecher, falls mal was passiert im Aufzug.
Sie steigen auf der dritten Etage aus und gehen gemeinsam den Flur entlang.
„Ich bringe dich noch zu deiner Tür, Margret“, sagt Johanna und sie gehen zusammen bis zum Ende des Flurs. Margrets Wohnung ist die letzte. Das Haus hat eine gestaffelte Fassade, so dass auch Wohnungen und Flure gestaffelt sind. Hinter jeder Ecke könnte jemand stehen, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Man könnte ihn oder sie erst im letzten Moment sehen. Arme Margret. Diese Lage am Ende scheint sie einzuschüchtern. Margret schließt auf:
„Tschüss Johanna, und danke.“


Nachmittags um drei das wöchentliche Kaffeestündchen. Reihum in den Wohnungen, das Zusammensein in der Halle ist doch etwas zu öffentlich. Hat jemand etwas Neues? Erst einmal nicht, also small talk.
Dann rafft sich Margret zu einem Geständnis auch den andern gegenüber auf:
„Ich hab es heute Mittag schon Johanna erzählt: Ich fühle mich beobachtet.“
Wie aus einem Mund: „Von wem?“
Johanna übernimmt die Antwort:
„Sie kann nichts Konkretes sagen, es ist so ein Gefühl. Ihr kennt das doch auch: Man steht irgendwo, dreht sich um ohne einen Grund und stellt fest, da starrt einen einer an.“
Ja, das kennen alle, können es sich nicht erklären und hatten auch noch nie eine Erklärung dafür gehört oder gelesen.
„Und außerdem lauert ja überall die NSA“, Susanne will es spaßig sehen.
„Das betrifft aber doch nur die mit den Geräten“, meint Johanna ernsthaft und geht auf diese Variante ein. Mit den Geräten meint sie wohl die PCs und Smartphones. „Soviel ich weiß, lehnt ihr dieses Teufelszeug doch ab.“
Sie guckt forschend in die Runde, blickt in betretene Gesichter. Anscheinend hat das Teufelszeug doch Einzug gehalten.
„Es muss ja nicht nur die NSA sein, es gibt Hacker genug, die sich für Informationen interessieren“, meint nun Irmtraud, die den Besitz eines Laptops längst zugegeben hat. Und weiter:
„In den letzten Tagen habe ich des Öfteren erlebt, dass mein Internet Explorer einfach aussetzte, ohne dass ich eine Taste berührt hatte.“
„Das sagen alle“, meint Susanne, „das ist doch nur eine Entschuldigung vor sich selbst, wenn man mal wieder was falsch gemacht hat.“ Sie lacht. Ein bisschen hämisch?
Was Irmtraud erbost: „Von wegen, es ist mir mehrfach passiert. Wie früher eine Unterbrechung am Telefon, wenn sich jemand einschaltete, um mitzuhören.“ Irmtraud hatte einen eifersüchtigen Ehemann gehabt.
„Machst du denn Sachen am PC, die andere interessieren könnten?“ fragt Margret, sie sieht eine Verbündete. Die Gefahr lauert eben überall.
„Ja, ehrlich gesagt, mache ich immer noch Online-Banking, und ich kaufe auch schon mal Sachen …“
„Da bist du ja das ideale Opfer. Die klauen deine Daten und kaufen unter deinem Namen und lassen von deinem Konto abbuchen.“ Margret guckt ganz mitleidig.
„Ich habe keinen Computer und ich habe auch nichts zu verbergen“, brüstet sich jetzt Johanna.
„Und was ist mit dem Smartphone, das du dir kürzlich angeschafft hast?“, fragt Susanne, die immer alles weiß. Woher eigentlich?
„Smartphones sollen ja noch viel anfälliger fürs Abhören sein. Dazu habe ich kürzlich einen Bericht im Fernsehen gesehen. Ich glaube, man hackt sich über W-LAN ein und kann mithören, was im Raum gesprochen wird.“ Irmtraud ist wie immer gut informiert und möchte von ihren Gefährdungen ablenken, man soll sie schließlich nicht für blöd halten.
Banges Schweigen.
„Ist das wahr?“, Margret, ein wenig aufgeregt. Hatte auch sie heimlich ein solches Teil gekauft? „Sag mal, Susanne, du hast doch einen guten Bekannten in der IT-Branche, der könnte doch sicher was zu den Aussetzern von Irmtraud sagen.“ Margret.
„Aber“, sagt Irmtraud, die gern die Gesprächsführung hat, „wir sind ganz von Margrets Gefühl des Beobachtetwerdens abgekommen.“
Niemand meldet sich mit einem ähnlichen Gefühl, nur Susanne fragt Margret ganz süffisant: „Du hast wohl was zu verbergen und ein schlechtes Gewissen.?“ Was zu einem peinlichen Schweigen führt.
Johanna, die seit heute Vormittag über Margrets Problem nachgedacht hat:
„Es ist doch nie geklärt worden, was es mit dem Elektrosmog auf sich hat, vielleicht entwickeln sich da Felder, die sensible Personen wahrnehmen können?“
„Und wie ist das mit den Erdstrahlen? Dafür empfängliche Menschen berichten darüber“, Irmtraud.
Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, man hatte mehr oder weniger oft an esoterischen oder esoterisch angehauchten Seminaren teilgenommen; man war geschult im Wahrnehmen außersinnlicher Phänomene. Gut, es hatte nicht immer geklappt, aber man hatte Berichte gehört … Schön, dass Margret von ihren Empfindungen erzählt hat. So kann man endlich wieder von den Erfahrungen erzählen, die man selbst gemacht hat.

„Früher gab es doch Fragebögen, mit denen die Geschäftsführung abfragte, wie es uns geht und wie uns das Leben hier im Haus gefällt. Wollen die das nicht mehr wissen oder erfahren die das jetzt auf andere Weise?“ Ein neuer Verdacht, geäußert von Susanne, die eine lebhafte Fantasie hat und die Ergebnisse gern mitteilt.
„Abhören?`“
„Belauschen, was in den Aufzügen gesprochen wird?“
„Über die Smartphones?“
„Zumindest das, was in der Halle geäußert wird, bekommen die mit.“
„Und auch, was man sich im Großen Salon erzählt.“
„Und beim Kaffeetrinken in der Cafeteria.“
„Im Speisesaal beim Mittagstisch.“
„Ja, stimmt, da hängen doch überall solche Geräte.“
„Sind das Kameras?“
„Oder Mikrofone?“
Irmtraud lacht schallend: „Lautsprecher!“
Das müssen sie zugeben, Durchsagen zu Veranstaltungen im Haus hört man aus diesen unförmigen Geräten.
„Aber wo was rauskommt, kann auch was reingehen“, meint Margret und macht eine Schnute. Sie hatte die Diskussion angefangen und will sie auch am Laufen halten. „Denkt doch an die Anlage im Aufzug, sprechen und hören.“ Verdammt, ja, das stimmt.
Susanne ist vollkommen verstummt, seit die Sprache darauf gekommen ist, dass sie einen IT-Spezialisten kennt. Sie ist intelligent genug um zu begreifen, dass sie das verdächtig macht. Bisher war noch keine der Damen darauf gekommen, aber wer weiß?
Johanna hat nachgedacht und meint nun: „Das Einzige, was wir selber tun können, ist doch, die Smartphones auszuschalten.“
„Aber, liebe Johanna, das ist doch der Sinn eines solchen Teils, dass man erreichbar ist.“ Irmtraud.
„Na ja, ich habe immer noch mein Festnetztelefon, damit telefoniere ich und darüber werde ich angerufen.“ Johanna holt ihr Smartphone aus der Tasche, schaltet es aus und legt es entschlossen auf den Tisch: „Du spionierst mich nicht mehr aus!“
Margret tut desgleichen, Irmtraud auch, wenn auch mit Verzögerung. Susanne?
Susanne hat keins, sie ist sparsam. Geizig, hieß es von ihr hinter vorgehaltener Hand. Sie hat noch ein ganz altes Handy, mit dem man telefonieren kann und sonst nix. Auch ein Rat ihres IT-Freundes, die Dinger speichern nicht.
„Und übrigens, ausschalten nützt gar nichts, da müsst ihr schon den Akku raus nehmen“, sagt jetzt Susanne, sachkundig.
Allgemeines Kopfschütteln und die Frage:
„Wieso denn das???“
„Das weiß ich leider auch nicht, mein IT-Freund hat das mal erwähnt,“ rutscht es ihr raus.
„Übrigens, auch die Telekom ist mit im Komplott, ihr Lieben. Über die Vorratsdatenspeicherung brauchen wir uns wohl nicht zu unterhalten, unsere Telefonate und E-Mails sind definitiv langweilig für andere. Aber, ist euch nicht auch schon aufgefallen, dass sich immer dann, wenn man die Wohnung betritt, die Sprach-Box meldet und entgangene Anrufe bekannt gibt? Woher wissen die von der Telekom, dass wir die Wohnung betreten haben“, Margret ist in ihrem Element. Bespitzelung überall.
„Da hast du Recht, Margret, gestern Mittag kam ich vom Arzt, schließe auf und schon ruft die Nummer 08003302424 an. Und drei Stunden später, ich komme vom Einkaufen, das Gleiche. Und das alles nicht zum ersten Mal.“ Susanne.
„Wie kann man das wohl klären?“ Margret.
„Nur an der obersten Stelle. Eine von uns schreibt an den Vorstandvorsitzenden der Telekom und bittet um Erklärung. Ganz höflich natürlich.“ Irmtraud. Und an ihr wird es wohl auch hängen bleiben.

Die vorgesehenen zwei Stunden für den wöchentlichen Austausch sind vorüber. Tief befriedigt vom Austausch und von der Darstellung der eigenen Erfahrungen auf allen möglichen Gebieten geht man nach Hause. Das heißt, man begibt sich auf die entsprechende Etage, mit dem Aufzug. Schweigend.