Freitag, 20. Oktober 2017

Kastanien in der Hosentasche

Es ist Herbst und hier ist eine weitere Herbstgeschichte
von Sophie Lange

„Hast du etwas verloren?“ Marlies zuckt zusammen. Von hinten hat Susanne sie angesprochen.
„Hast du mich erschreckt.“ Marlies schießt giftige Blicke auf die Ruhestörerin. „Musst du dich immer so anschleichen?“
„Du schaust so gebannt auf die Erde“, entschuldigt sich Susanne und fuchtelt beschwichtigend mit ihrem Gehstock. „Suchst du den Tag von gestern?“
„Mensch, ich suche Kastanien“, erklärt Marlies, noch immer etwas verärgert.
„Da liegen ja hier unter der alten ausladenden Rosskastanie massenhaft 'rum“, schaut Susanne nun auch auf den Boden, und stochert mit ihrer Gehhilfe in einen angewehten Haufen Laub. Es raschelt, es staubt, es riecht nach Erde, nach modriger Herbsterde. Und jede Menge Kastanien werden sichtbar: Manche niedlich-klein wie eine Stachelbeere, andere in der Größe einer Sauerkirsche oder einer Cocktailtomate. Besonders schön sieht eine Frucht aus, die noch halb in ihrer Schale ruht. Ein harter Kern in einer harten stacheligen Hülle!
„Die wird meinen Herbsttisch schmücken,“ greift Marlies mit einer Behändigkeit zu, die man ihr in ihrem Alter gar nicht zugetraut hätte. „Jetzt  brauche ich aber noch ganz schöne, glänzende,“ fährt sie fort.
„Und was willst du damit?“ Susanne ist wie immer neugierig, oder - wie sie es nennt - wissbegierig.
„Die stecke ich in meine Hosen- und Manteltasche, wenn du es genau wissen willst“ macht Marlies kein Geheimnis aus ihrer Suchaktion.  
„Und was soll der Schwachsinn?“ Susanne schüttelt den Kopf.
„Hast du noch nie gehört, dass Kastanien vor Rheuma und Gicht schützen?“ Marlies lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Susanne lacht. „So 'nen Humbug glaubst du doch nicht wirklich!“
Nun sieht Marlies sich genötigt, Aufklärungsarbeit zu leisten. So doziert sie: „Die Rosskastanie ist schon seit dem Mittelalter wegen ihrer heilenden Wirkung bekannt. Die Rinde gilt volkstümlich als Fiebermittel. Und bei Krampfadern werden Kastanien seit jeher eingesetzt.“
„Ja gut, das mag ja stimmen“, rudert Susanne den „Humbug“ etwas zurück, „aber dass Kastanien Heilkräfte entwickeln, nur, wenn man sie in der Hosentasche mit sich rumschleppt - das glaube ich nicht.“ Nach kurzer Gedankenpause muss sie dann jedoch zugeben: „Aber der Glaube soll ja bekanntlich Berge versetzen.“ Und da sie schon einmal dabei ist, zitiert sie gleich ein anderes Bibelwort: „Wer glaubt, wird selig.“ Dabei fällt ihr ein, dass ihre Oma immer sagte: „Wer glaubt wird selig, wer backt wird mehlig.“ Die Erinnerung lässt sie herzhaft lachen.
Marlies findet das gar nicht lustig und erklärt ernst: „In der Hosentasche entwickelt die Kastanie wohltuende Wärme, die Gelenkschmerzen lindert. Außerdem kann man die runde Frucht mit der glatten Oberfläche als „Handschmeichler“ nutzen und in der geschlossenen Hand hin und her drehen. Das beruhigt.“
Marlies bückt sich – mühsam – hebt eine wohl geformte tiefbraune Kastanie auf, reibt sie sorgfältig am Jackenärmel bis sie glänzt wie eine polierte Zauberkugel, betrachtet sie gedankenverloren einige Sekunden lang und steckt sie dann in die Hosentasche.
„Wenn sie nicht helfen“, sagt sie nachdenklich, „so bergen Kastanien in der Hosentasche zumindest keine Risiken und Nebenwirkungen.“
Das überzeugt Susanne und nun sucht sie ebenfalls einige Herbstfrüchte und lässt diese in die Jackentasche verschwinden. Heimlich, verschämt.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Wenn die Kraniche ziehen


Der Lärm kommt näher. Ein Riesenspektakel. Die Großeltern sind mit ihren Enkeln Hannes und Felix auf einem Spaziergang unterwegs. Oma hält sich die Ohren zu. „Oh Gott, das himmlische Strafgericht. Das kommt doch von oben mit Pauken und Trompeten.“ Sie blinzelt in die grelle Sonne. Weiße Gestalten segeln durch die Luft. „Oh Gott, Engel, jede Menge Engel“, kreischt Oma. 
„Nun lass Gott aus dem Spiel und die Engel auch“, beruhigt Opa. „Das sind Kraniche, Hollergänse sagen wir hier in der Eifel dazu. Sie fliehen vor der Kälte in den warmen Süden.“
„Woher wissen die Vögel denn den Weg?“, will der 10jährige Hannes wissen. „Da oben stehen doch keine Wegweiser.“
Der Opa erklärt gerne: „Hauptsächlich orientieren sie sich an unterirdischen Magnetlinien. Dann beobachten sie aber auch den Sternenhimmel mit dem Polarstern sowie die Sonnenauf- und untergänge. Außerdem merken sie sich Gebirgszüge, die in Nord-Südrichtung verlaufen. Und dann ist da noch der Heimatinstinkt, der schon manchem Tier den Weg nach Hause finden ließ.“ Die Kinder nicken. Solche Geschichten haben sie schon über Hunde und Katzen gehört. 
„Und wieso hat der Mensch nicht so einen Instinkt?“, wundert sich der kleine Felix.
„Eine gute Frage“, antwortet Opa. „Vielleicht hat der Neandertaler noch instinktiv zu seiner Höhle zurückgefunden. Heute braucht der Mensch Landkarten, Straßenkarten, Routenpläne und Navigationsgeräte, um sich zurecht zu finden.“
Felix weiß aber auch: „Mama hat ein Navi im Auto und verfährt sich trotzdem immer.“ Das will nun niemand kommentieren. 
Oma weiß etwas aus ihrer Kindheit zu berichten. „Wir haben den Vögeln immer zugerufen: Krunekrane, wisse Fahne! Es sieht doch tatsächlich so aus, als wenn zig Fahnen im Wind wehen.“ Den Ruf probieren die Kinder nun gleich aus. Sie winken den Reisenden der Lüfte zu: „Krunekrane, wisse Fahne, Krunekrane, wisse Fahne...“
Und Oma fällt mit ein: „Krunekrane wisse Fahne...“ 
„Anfang Oktober ist eigentlich noch zu früh für den Kranichzug,“ überlegt Opa. „Nach altem Wetterglauben zeigt das einen frühen und strengen Winter an. Die eigentliche Flugzeit setzt man zwischen den 20. Oktober und den 10. November fest. Aber Kraniche haben ihr spezielles Timing.“ Oma kennt eine andere Wetterregel: „Man soll beim ersten Kranichflug die Vögel zählen. Ihre Anzahl sagt voraus, wie viele Sonnentage der Herbst bringt.“

 Das ist nun ein Stichwort für die Kinder. Sie laufen dem Zug hinterher. „Eins, zwei, drei“, zählen sie die keilförmige Spitze. „Vier, fünf...“ geht es dann die grade Linie weiter. Doch sie sind kaum bei 15 angekommen, als Leben in den bisher ruhigen Zug kommt. Einige Vögel lösen sich vom Ende, überholen links – wie sich das gehört – und drängen sich rücksichtslos irgendwo vorne dazwischen. Das lassen die „Betroffenen“ sich nicht gefallen. Wildes Gewusel und aufgeregtes Gezeter!
„Jetzt sind wir durcheinander gekommen“, ärgern sich die Kinder.
„Schade!“ bedauert die Oma. „Jetzt wissen wir nicht, wie der Herbst wird.“
„Zumindest ist aber schon der kommende Winter geklärt“, erinnert Opa. 
Aber das will jetzt noch niemand so genau wissen.
von Sophie Lange


Samstag, 23. September 2017

Er rollt und rollt - der Rollator

„Niemals!“, sagte Opa Heinrich und schlug mit der Faust auf den Tisch. 
„Aber warum denn nicht?“ Die Enkelin bemühte sich um einen ruhigen, sachlichen Ton. „Alle loben den Rollator als die Erfindung des Jahrhunderts.“ 
 Das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber seit die gehbehinderte Schwedin Aina Wifalk 1978 den Rollator in der modernen Form geschaffen hat, hat dieser eine steile Karriere durchlaufen. Denn er ist eine echte Erleichterung und trägt viel zur Mobilität von alten Menschen bei. 
 „Der Arzt hat ihn dir doch wegen deiner Knieschmerzen empfohlen und wenn er ihn verschreibt, bezahlt ihn sogar die Krankenkasse. Wenigstens zum Teil.“ 
“Niemals!“, donnerte Heinrich. „So ein Fahrgestell ist etwas für alte Leute. Für Greise.“
„Und du bist mit deinen 85 Jahren noch nicht alt?“ Die Geduld der Enkelin war langsam erschöpft. 
 „Ich bin auf jeden Fall nicht so alt, dass ich mich mit so einem Ding lächerlich mache.“ 
 „So ein Quatsch!“ Die Enkelin fächerte mit einigen Blättern, die sie im Internet ausgedruckt hatte, vor Opas Gesicht. „Hier steht, dass allein in Deutschland im Jahr 2016 bis zu drei Millionen mit einem Rollator unterwegs waren. Inzwischen sind es bestimmt noch mehr. Und alle sind zufrieden – und niemand macht sich lächerlich.“ 
 „Das sind bestimmt alles „alte Wiever“. Zu denen passt so ein Kinderkram.“ Opa schnaufte. „Aber nicht zu staatse Männ in den besten Mannesjahren.“ Er warf sich in die Brust.
Die Enkelin musste zugeben, dass es in der Stadt meist Frauen waren, denen man mit dem Rollator begegnete. „Aber nur, weil die Männer nicht zu ihrem Alter stehen. Und eitel sind!“ Bevor Opa sich wieder aufregte, verließ sie rasch das Zimmer. Bloß keinen Streit eskalieren lassen. 
 Etwas später verließ Opa mit seinen zwei Gehstöcken das Haus. Er brauchte frische Luft. Mühsam schleppte er sich bis zum nahen Park und ließ sich erschöpft auf die erste Bank nieder. Das verdammte Knie! 
 Plötzlich stand ein Mann vor ihm. „Hi Heinrich, altes Haus“, grüßte dieser lässig den ehemaligen Kollegen. Heinrich kriegte vor Überraschung zuerst den Mund nicht auf und dann nicht zu. Der Ex-Kollege stützte sich doch tatsächlich auf einen Rollator. „Mein Mercedes“, stellte er grinsend vor. Und schon erläuterte er Bremsen und Lenkmanöver, Leichtigkeit und Standfestigkeit, Transport und Zusammenklappen . „Das Schönste jedoch ist, dass mich laufend Damen mit Rollator ansprechen und die lade ich dann ein - und dann – wie das halt so ist im Alter.“ „Und dann?“ Heinrich war neugierig geworden. Stille. Der Kavalier genießt und schweigt. „Nun sag schon“, bat Heinrich jetzt. „Also gut. Dann, dann rollen wir gemeinsam durch den Park.“ 
 Die beiden Männer beschlossen, ihr Zufallstreffen in einem nahen Café zu beschließen. Und dort kam Heinrich nicht aus dem Staunen heraus. Hier schien ein richtiges Rollatoren-Treffen zu sein. Mehrere Damen hatten ihr Vehikel abgestellt und schlürften selig ihren Kaffee. Und alle kannten den Kollegen, grüßten, winkten ihm zu. Die Damen waren zwar nicht mehr taufrisch, aber alle waren gut drauf. 
„Bist du schon mit all diesen Damen gerollt?“ staunte Heinrich. Der Kollege grinste und schwieg
Als Heinrich nach Hause kam, war die kleine Auseinandersetzung von vorhin vergessen. Die Stimmung schien gelockert, und Heinrich war es auch. So ganz nebenbei meinte er zu seiner Enkelin: „Ich habe mir das nochmal überlegt mit dem Rollator. Wäre vielleicht gar nicht so verkehrt.“
Woher dieser Sinneswandel kam, verriet er allerdings nicht. Der Kavalier genießt und schweigt.
Sophie Lange





Sonntag, 17. September 2017

Frau Dingsda

Es ist ein milder Abend nach einem heißen Tag. Den will Mariechen noch genießen, setzt sich auf die Bank vor dem Haus und träumt vor sich hin. Doch bald ist es aus mit der Ruhe. Die Nachbarin steht vor ihr und reißt sie aus ihren Träumen. Und schon schnattert diese los. Alles so ein Tratsch aus der Nachbarschaft. Mariechen schaltet auf Durchzug.
Heute habe ich in der Stadt die Frau – ähm – die Frau Dingsda getroffen. Weißt du, die früher im Eckhaus gewohnt hat.“ Ja, Mariechen erinnert sich. Die trug noch immer eine Kittelschürze, als diese schon lange aus der Mode war. „Wie heißt die denn noch mal?“, will die Nachbarin wissen. Mariechen überlegt, aber ihr will der Name nicht einfallen, obwohl sie ihn sicher hundert Mal gesagt hat.
Ach diese Plage, dass man immer die Namen vergisst“, seufzt die Nachbarin.
Das hat mit dem Alter zu tun“, erklärt Mariechen. „Da wird man vergesslich."
Nee, nee“, wehrt sich die Nachbarin. „Mein Neffe ist kaum 40 und der vergisst auch immer alle Namen. Er muss sich diese stets aufschreiben.“ Beiderseitiges Kopfnicken. „Mir liegt der Name auf der Zunge!“, wieder die Nachbarin, “aber er will nicht raus.“Hieß die nicht Frau Groß“ kramt Mariechen in ihrem Gedächtnis.
„Nee, nee“, die Nachbarin wieder. „Die ist zwar groß, aber die heißt nicht Groß. Ganz bestimmt nicht!“
Die beiden Damen wechseln das Thema. „Was kommt denn heute im Fernsehen?“ Gemeinsames Überlegen.
Spät am Abend. Mariechen hat Fernsehen geguckt. Irgendeinen Krimi. Wie hieß der doch gleich? Ist ja auch unwichtig. So was muss man sich nicht unbedingt merken. Das weiß das Gehirn ganz genau und legt die Information auf Eis in irgendeiner Gehirnecke. Mariechen brüht sich ihren Schlaftee auf und setzt sich gemütlich auf die Couch. Da geht das Telefon. Wer ist das denn noch!
Sie nimmt den Hörer ab und da tönt es ihr auch schon lautstark entgegen. „Ich bin et nur!“ Die liebe Nachbarin.
„Ist was passiert“, fragt Mariechen erschrocken.
„Nee, nee, aber ich weiß jetzt wie die Frau vom Eckhaus heißt. Ist mir eben eingefallen.“ Und sie beginnt wieder ihr Parlieren im Schnelltempo. „Also, ich war noch ein paar Teller am abwaschen am tun, dachte an dies und das oder besser gesagt an gar nix, da macht es plötzlich klick und da fiel mir der Name schnaggewesch wieder ein.“
Ja, das Gehirn arbeitet weiter, kramt in allen „Schubladen“, in denen irgendwelche unwichtigen Dinge abgelegt wurden und dann - plötzlich – schwupps, alles klar. Ja, verloren geht nichts im Kopf.
Und wie ist der Name“, will Mariechen nun endlich wissen. „Sag schon, mach et nit so spannend."
Die Nachbarin macht eine Pause, es muss ja richtig spannend sein und erst nach einigem Räuspern gibt sie das Geheimnis preis: „Die heißt Kleinschmidt!“
Kleinschmidt“, wiederholt Mariechen. „Ja richtig! Kleinschmidt! Ich habe ja gleich gesagt, dass es etwas mit „Groß“ zu tun hat."
Sophie Lange

Freitag, 21. Juli 2017

Alte Freundinnen


Johanna saß in der Cafeteria, sie hatte einen Salat bestellt, weil sie zu faul war, sich selbst ein Abendessen zuzubereiten. Außer ihr saß hier und da eine einsame alte Dame oder ein einsamer alter Mann. Auch schon mal zwei Herren, die sich wortkarg unterhielten. Sie kannte die anderen nur vom Sehen. Man begrüßte sich freundlich beim Hereinkommen und wünschte sich einen guten Appetit. Ob den alle hatten? Johanna eigentlich auch nicht, aber einen Salat kann man ja immer essen, auch ohne.
Es war ganz still in dem großen Raum – bis die beiden Freundinnen hereinschneiten und mitten im Raum an Tisch fünf Platz nahmen. Das Abendessen mussten sie nicht bestellen, das wurde schnell gebracht, sie haben ein Abendessen-Abonnement. Offensichtlich jeden Abend zu faul, sich etwas zu machen.
Heute Abend war es ein Pfannkuchen, gefüllt mit Champignons in einer Soße, dazu ein bisschen Salat.
„Mir schmeckt das gar nicht“, sagte Ilse.
„Aber wieso, ist doch lecker“, sagte Marianne.
„Für dich vielleicht, ich mag es nicht.“ Pause.
„Hallo, hallo Bedienung“, rief Ilse.
„Ich komme. Was gibt es denn?“
„Ich mag das Essen nicht.“
„Tut mir leid.“
„Ich möchte was anderes, ein Butterbrot vielleicht.“
„Tut mir leid, aber das hätten Sie eher sagen müssen.“
„Wieso?“
„Sie haben doch schon mit dem Essen begonnen.“
„Ja, aber ich mag es nicht.“
„Ich kann Ihnen natürlich belegte Brote bringen, aber die müssen Sie dann extra bezahlen.“
„Wieso?“
„Weil es im Abonnement entweder das vorgesehene Essen gibt oder aber Butterbrote, beides gibt es nicht für dasselbe Geld.“
„Das finde ich nicht richtig.“ Pause. Aufmerksame Stille an den anderen besetzten Tischen.
„Was wollen wir denn nun machen?“, fragte die Bedienung, immer noch höflich.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann Ihnen Brote bringen, aber nicht umsonst.“
„Das finde ich kleinlich. Gut, dann esse ich den Pfannkuchen, obwohl er mir überhaupt nicht schmeckt.“
„Wie Sie wollen“; sagte die Bedienung und flüchtete. Schweigen an Tisch fünf.
Johanna schmunzelte vor sich hin. Sie hatte schon öfter Gespräche zwischen den beiden Freundinnen mitbekommen. Eine von beiden war schwerhörig.
„Weißt du, dass Isoldes Tochter demnächst heiratet?“
„Ach. Na, das wurde aber auch Zeit. Die ist doch bestimmt schon an die dreißig.“
„Mindestens.“ Pause. „Sie heiratet in weiß.“
„Und das bei der Figur.“
„Weißt du, Marianne, ich hatte ja schon als zwölfjähriges Mädchen einen solch üppigen Busen wie jetzt.“
„Ach, ich nicht, ich war platt wie ein Brett, und so ist es geblieben.“ Aufmerksame Stille an allen Tischen. Johanna konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Aber da gibt es doch Möglichkeiten, Ilse.“
„Ja, natürlich, ich habe immer Blusen mit Rüschen getragen und darunter, weißt du …“ Es folgte eine intensive Einführung in die Möglichkeiten, aus nichts etwas zu machen. Johanna wagte einen Blick in die Runde und sah, dass besonders die beiden Herren, die nahe am Tisch der Freundinnen saßen, total verstummt waren.


Ein paar Tage später erfuhr Johanna bei einem weiteren Essen in der Cafeteria, dass aus der Hochzeit in weiß nichts wird – der Bräutigam war irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Aus welcher, erfuhr sie allerdings nicht.
Anne Poettgen

Freitag, 16. Juni 2017

Musenhof am Kirchberg


Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Sie bevorzugen den Großen Salon, nehmen aber auch mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur - hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die Bücherwand im Gro0en Salon mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.

Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.

Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten.  Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.

Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.

Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man schlummert selig ein.



.