Freitag, 17. November 2017

Im Waschsalon


Gerda schleppte einen Korb mit nicht mehr ganz sauberer Wäsche – das Wort schmutzig kam nicht mal in ihren Gedanken vor – in die Waschküche des Hauses am Kirchberg. Ach, verdammt, dachte sie, als sie die Tür öffnete, schon jemand drin und also vor mir dran. Mürrisch sagte sie „Guten Tag“ und mürrisch schob sie ihren Korb unter den Tisch,  an dem der Jemand saß. Er hatte sehr freundlich zurückgegrüßt und wies nun einladend auf den zweiten vorhandenen Stuhl.
„Wir kennen uns doch, wenigstens vom Grüßen her im Speisesaal“, eröffnete er die Konversation.
„Ja, stimmt“, antwortete Gerda und ihre Miene hellte sich auf. Den fand sie eigentlich ganz nett, hatte ihn gar nicht erkannt in seinem Freizeitlook. Auch ihre Freundinnen hatten sich schon positiv über ihn geäußert. Immer höflich, immer freundlich, immer einen munteren Scherz parat, so hieß es. Außerdem solo, ob ledig oder verwitwet – das war noch unbekannt. Auch nicht so wichtig.
Gerda hatte es sich am Tisch bequem gemacht, sprang aber gleich wieder auf, als sie feststellte, dass der Jemand nicht die Waschmaschine belegt hatte, sondern schon beim Trocknen war. Mit wenigen Handgriffen war das Waschen vorbereitet, die Wäsche eingefüllt und der entscheidende Knopf gedrückt. Zeit für einen Plausch. Und dabei die Gelegenheit festzustellen, ob er wirklich solo war. Ob nicht im Hintergrund eine Lebensgefährtin lauerte, oder eine Freundin oder was auch immer an weiblichen Figuren möglich war.
„Kommen Sie denn mit dem Waschen zurecht?“, fragte Gerda also.
„Ja, natürlich, ich wohne schon eine ganze Weile hier im Haus.“
„Niemand, der Ihnen diese lästige Arbeit abnimmt?“
„Das hab ich nicht nötig, ich kann das alles selbst, das hat mir schon meine verstorbene Frau zeitig genug beigebracht.“ Also Witwer.
„Ja, selbst ist der Mann“, scherzte Gerda.
„Sie würden sich wundern, was ich alles selbst kann.“ Der Jemand warf sich in die Brust und Gerda wartete darauf, mit was er nun angeben würde. Vergeblich. Sie wurde auch abgelenkt, irgendetwas stimmte nicht mit ihrer Waschmaschine. Geräusche, die sie sonst nicht von sich gab.
„Kann ich Ihnen helfen?“, der Jemand war aufgesprungen, ebenfalls alarmiert von den Geräuschen. Er stürzte zu ihrer Waschmaschine und begann wild mit den Knöpfen zu hantieren. Die Töne nahmen dramatische Höhen an und mit einem gewaltigen „Klack“ war die Sache beendet. Still ruhte Gerdas Wäsche in der Lauge. Der Trockner daneben drehte weiter seine Runden. Gerda erwartete, einen zerknirschten Jemand vor sich zu sehen. Aber nein, siegesgewiss stand der Jemand neben ihrer Waschmaschine. „Das haben wir gleich.“ Wir.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinkriegen soll, da muss ich den Technischen Dienst rufen. Oder ich gehe gleich rüber in die Werkstatt.“ Gerda verzichtete darauf, „wir“ zu sagen. Es war ihre Wäsche, auch wenn der Jemand den Zusammenbruch verursacht hatte.
„Aber gnädige Frau, das ist nicht nötig, das kriegen wir allein hin.“ Leider kam ihm keine Entschuldigung über die Lippen. Schließlich … Das sprach gegen ihn. Nach kurzem Nachdenken ließ Gerda ihn aber gewähren. Nur keine Missstimmung aufkommen lassen, schließlich waren sie Nachbarn. Irgendwie.
Der Jemand stand wieder an Gerdas Waschmaschine, Gerda neben ihm, um ihm ein „wir“ zu vermitteln. Sie blickte versonnen auf ihre neuen Schuhe, die sie seit heute trug. Lautlos bediente der Jemand die Knöpfe, die vorher so gekreischt hatten. Fast lautlos öffnete sich die Vordertür der Waschmaschine. Aber die Wäsche gurgelte, als sie sich den Weg aus der engen Maschine in die Waschküche bahnte. Und die neuen Schuhe saugten die Lauge begeistert auf, Wildleder.

Sonntag, 12. November 2017

Vom Lebensmotto


Angesichts der tagelangen Sondierungsspräche fragt man sich: Wird das klappen?
Sophie Lange hat dazu ein Motto für uns: Et het noch immer joot jegange


„Ich habe gelesen, dass Merkel ihr politisches Motto ‚Wir schaffen das‘ auch privat einsetzt“, weiß Onkel Bert in der Familienrunde zu berichten.
„Wie soll ich mir das denn vorstellen?“, überlegt Tante Luzie. Sie lässt ihre Fantasie spielen: Da sieht es in Merkel-Sauers Küche aus wie bei Hempels unterm Sofa. Schmutziges Geschirr von drei Tagen stapelt sich in der Spüle. Ehemann Sauer ist sauer, aber Angela krempelt die Ärmel hoch, spuckt in die Hände und ran ans Werk: Wir schaffen das.
Ja, so ist sie, unsere Angela.  

Dass eine ganze Stadt und ein ganzer Landstrich das gleiche Lebensmotto haben, das gibt es nur bei uns. Hier lautet die Anmerkung zu nichts und allem: „Et hät noch emmer jot jegange“. Als 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte, tausende wertvolle Annalen vernichtet oder beschädigt wurden, zwei Menschen zu Tode kamen, blieben die Kölner ihrem Motto treu: Et hät noch immer jot jegange. Und wenn man als Fremder irritiert fragte: „Wiesu datt dann?“, kam prompt die Antwort.
„Der Dom steht doch noch.“
Und Jonas kommentierte mit seinem Lebensmotto: „Schlimmer geht immer“. In allem etwas Gutes sehen, das hat schon  die Gruppe Abba in ihrem Song „I believe in angels“ gesungen: „Something good in everything I see.“
Ja, so sind sie, die Optimisten vom Rhein  und anderswo.

In der Eifel setzt man noch einen drauf. Als vor langer Zeit bei einem Großbrand das halbe Dorf abbrannte, soll ein Eifeler Schlitzohr gesagt haben: „Et hät  noch emmer jot jejange – Pastuur si Hus (Haus) es met verbrannt.“ Schadenfreude ist bekanntlich die größte Freude. Wenn es die kleinen Leute trifft, sollen auch die hohen geistlichen Herren nicht verschont bleiben.
Ja, so ist es, das fromme Völkchen der Eifel.

Nun schlug man in der Runde vor, dass jeder sein persönliches Lebensmotto kundtat. Die Jugend war sich einig: No risk, no fun. Die ältere Generation hat die Nase voll von Risiko und von Spaß ebenfalls. Sie hat die Erfahrung gemacht. „Das Leben ist kostbar, gehe vorsichtig damit um.“ Anschließend wurde Einstein zitiert: „Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die du für Geld bekommst.“ Johannes,  Patriarch der Familie, hält Geld jedoch für das wichtigste Lebenselixier. So hat er seinem Nachwuchs das Motto eingeimpft: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.“
Sein Filius hält es jedoch eher mit der Ironie: „Spare in der Not, dann hast du Zeit dazu.“ Oma Lieschen hat ihren Wahlspruch eingerahmt im Flur hängen: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Wie oft hat sie in ihrem langen Leben sinnend vor diesen tröstenden Worten gestanden!
Ja, so sind sie, die ewig Hoffenden.

Der sangesfreudige Onkel Eduard hat einen alten Schlagertext auf seine Lebensfahne geschrieben: „Sei zufrieden mit dem Heute, wenn es dich auch wenig freut.“ Und schon schmettert er die rührselige Schnulze vom Anfang bis zum bitteren Ende: „Jeder hat doch seine Sorgen, wer nicht Sorgen hat, ist tot.“ Die stets heitere Tante Emma überrascht mit dem Motto aus ihrem Poesiealbum aus Mädchentagen: „Lebe lustig, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh.“

Ja, so sind sie, die Lebenskünstler unter uns.




Mittwoch, 8. November 2017

Der heilige St. Martin

Der 11. November ist der Namenstag des heiligen St. Martin

Schon ab dem 7. November ziehen in den Gemeinden, die das Andenken an diesen Heiligen hochhalten, die Martinszüge. Ich erinnere mich sehr gern daran, ich stamme aus Düsseldorf. Aus der Eifel berichtet Sophie Lange darüber


Der Martinsumzug zum 11. November gehört wohl zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Stolz marschierten wir mit unserer aus einer Rübe geschnittenen Laterne durch die dunklen Straßen. Aber es gab auch Enttäuschungen. So sangen wir jedes Jahr voller Überzeugung: “Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind ...“ Doch nie fiel je eine einzige Schneeflocke zu Ehren des Heiligen. Wenn wir weiter schmetterten „ ... sein Ross das trug ihn fort geschwind“, so stimmte das auch nicht. Denn der schwere Ackergaul, den der Heilige sich bei einem Dorfbauern ausgeliehen hatte, schleppte sich nach einem harten Arbeitstag mühsam Tritt für Tritt über Stock und Stein. Nichts von einem rasenden Pferdegalopp zu bestaunen. Doch nach dem Umzug durchs Dorf entschädigte ein Weckmann mit Tonpfeife und Korinthenaugen für den fehlenden Schnee und das entfallene Pferdeevent. Sankt Martin höchstpersönlich überreichte jedem Kind einen kleinen Mann aus süßem Weck. Dass man dem Weckmann heute die Pfeife streitig machen will, betrübt das Traditionsmännchen. Es raucht doch gar nicht, es tut nur so.
Mit Inbrunst sangen wir besonders das alte Lied: „Der hellige Zinte Mäten, dat es ne gode Mann.“ Das Lied erinnert an die Zeit, als das Martinsbrauchtum - Umzug und Feuer  -  noch nicht organisiert war. Kinder zogen in kleinen Gruppen durch die Straßen mit ihren „Fackele“. Jugendliche kümmerten sich um lokale Martinsfeuer, wobei es häufig zu Streitereien „rivalisierender Gruppen“ kam. Dann gab es oft wilde Schlägereien. Und nur so ist die Refrainzeile Butzwidibutz - „Butz, wider Butz“ zu verstehen, Schlag wider Schlag, wie du mir so ich dir, Aug um Aug, Zahn um Zahn.  Schon manche harmlose Rauferei ist bei dem Feueranzünden oder der Feuerwache in eine handfeste Prügelei ausgeartet. Schließlich nahmen Lehrer sich des Problems an, organisierten die traditionellen Umzüge und die Martinsfeuer und sorgten dafür,  dass Butz wider Butz-Schlägereien  unterblieben.

Beim Rundgang durch die Straßen erbettelten die Kinder an den Häusern Heischegaben. Dabei trugen sie in einer Art Sprechgesang vor:

Hier wohnt ein reicher Mann,
der uns was geben kann.
Viel soll er geben,
lange soll er leben,
lasst uns nicht zu lange stehn
denn wir müssen weiter gehn.

In einem Bericht der Dichterin Clara Viebig zum Martinsabend am Niederrhein von 1894 sind schon diese Zeilen aufgeführt und sie haben sich bis heute erhalten.

Dass Martin wirklich ein guter Mann war, zeigt sich daran, dass er oft wie in dem obigen Lied doppelt-gemoppelt heilig gesprochen wird, denn Sankt oder Zinte heißt ja nichts anders als der Heilige: Der heilige Heilige Martin. Ja, „ene gode Mann“ kann nie heilig genug sein!

In der Erinnerung singen wir leise vor uns hin:

Der hellige Zinte Mäeten,
dat es ne gode Mann,
der gitt de Kenger Käezche
un stich se selver aan.
Butz butz butzwidibutz,
dat es ne gode Mann;
Der hellige Zinte Mäeten
gitt, wat'e gevve kann.

Der hellige Zinte Mäeten,
der kütt och hück zo us,
dröm go'mer met de Fackele,
et freut sich Kleen un Gruß.
But butz butzwidibutz,
der Summer der es us.
Der hellige Zinte Mäeten,
der kritt de letzte Struuß.

Der hellige Zinte Mäeten,
der rick lans jede Dür
un sähnt do Hus on Hätze
de Früut  en Schobb un Schür.
(Frucht in Schober und Scheune)
Butz butz butzwidibutz
hä brengk et Wenkterfür,
der hellige Zinte Mäeten
hält Minsche wärm un Dier.

Der hellige Zinte Mäeten
kütt immer huh zu Päed;
hä steht en huhe Ihre
em Himmel un ob Äed.
Butz butz butzwidibutz
d'n Düvel trifft sii Schwäet;
der hellige Zinte Mäeten,
der es wal lobenswäet.

Freitag, 27. Oktober 2017

Das ist mein Platz

Wie beschämend ist es, wenn man mit diesen Worten von einem Platz verwiesen wird. Dazu hat Sophie Lange uns eine Geschichte geschrieben.


Gerangel beim Stuhlkreis in der Kita. „Das ist mein Platz“, verteidigen Kinder ihren Lieblingsplatz, direkt neben der besten Freundin oder dem liebsten Freund. Erst ein Spiel bringt etwas Ruhe unter die Kleinen. Die Erzieherin stellt einen leeren Stuhl in die Runde. Das Kind links davon klopft nun auf den Sitz und sagt: Mein rechter Stuhl ist leer, ich wünsche mir...her. Und nennt einen Namen. Das genannte Kind wechselt nun den Platz. Nicht immer gerne. Die Spielregel sagt, dass es wie ein Tier kommen kann, z. B. ein Elefant, ein Känguru oder eine Schlange. Das erleichtert etwas den Platzwechsel. 
Bei der Einschulung dürfen die Kinder sich ihren Platz zwar aussuchen – natürlich neben einem Kind, das sie bereits kennen - aber schon bald ändert die Lehrperson die Sitzordnung, eben so wie sie es für sinnvoller hält. Gar nicht so einfach, seinen Platz selbst zu bestimmen und zu verteidigen, in der Schule, im Beruf, in der Familie, im Leben.
Der Mensch hat seit Urzeiten um seinen Platz gekämpft. Das fing wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt an, als die Menschen feststellten, dass sie Samen in die Erde streuen konnten und neue Früchte heranwuchsen. Nun brauchten sie nicht mehr als Nomaden durch die Weltgeschichte umherzuziehen. Sie wurden sesshaft, suchten sich ein fruchtbares Stück Land auf Mutter Erde aus, Zaun drum herum und: Das ist mein Platz. Wehe, wenn jemand die Grenze überschritt. Dann wurden die Fäuste geschwungen, es gab Streit, Nachbarschaftsstreit
Aber zurück zum Stuhlkreis. Allerdings nicht mehr in die Kita, sondern in die Seniorenstunde im Pfarrheim. Hier hat auch jeder seinen festen Platz und wehe, wenn ein anderer, etwa ein Neuling, sich erdreistet, diesen Platz einzunehmen. Das gibt Zoff in der Bude. Da wackeln die Bilder an den Wänden. „Das ist mein Platz und mein Nebenmann ist und bleibt mein Nebenmann“, pocht eine „Alteingesessene“ mit hochrotem Kopf  und dröhnender Stimme auf ihr Recht. Das ist zwar kein gesetzlich-verbrieftes Recht aber ein Gewohnheitsrecht und das zählt gewohnheitsgemäß doppelt und dreifach.
Nun kann die Gruppenleiterin nicht wie bei den Kleinen zum Spiel aufrufen „mein rechter Platz ist leer,“ - wir sind doch hier nicht im Kindergarten! – sondern appelliert an die Vernunft, die sich ja in einem gewissen Alter einstellt oder zumindest einstellen sollte. Mit etwas Diplomatie ist auch bald Ruhe im Karton, vielmehr im Kreis und friedlich-fröhlich singend beginnt die Seniorenstunde mit dem alten Volkslied:

Wir sitzen so traulich beisammen
und haben einander sooo lieb, ja so lieb.
Wir erheitern einander das Leben,
ach wenn es doch immer so blieb.


Freitag, 20. Oktober 2017

Kastanien in der Hosentasche

Es ist Herbst und hier ist eine weitere Herbstgeschichte
von Sophie Lange

„Hast du etwas verloren?“ Marlies zuckt zusammen. Von hinten hat Susanne sie angesprochen.
„Hast du mich erschreckt.“ Marlies schießt giftige Blicke auf die Ruhestörerin. „Musst du dich immer so anschleichen?“
„Du schaust so gebannt auf die Erde“, entschuldigt sich Susanne und fuchtelt beschwichtigend mit ihrem Gehstock. „Suchst du den Tag von gestern?“
„Mensch, ich suche Kastanien“, erklärt Marlies, noch immer etwas verärgert.
„Da liegen ja hier unter der alten ausladenden Rosskastanie massenhaft 'rum“, schaut Susanne nun auch auf den Boden, und stochert mit ihrer Gehhilfe in einen angewehten Haufen Laub. Es raschelt, es staubt, es riecht nach Erde, nach modriger Herbsterde. Und jede Menge Kastanien werden sichtbar: Manche niedlich-klein wie eine Stachelbeere, andere in der Größe einer Sauerkirsche oder einer Cocktailtomate. Besonders schön sieht eine Frucht aus, die noch halb in ihrer Schale ruht. Ein harter Kern in einer harten stacheligen Hülle!
„Die wird meinen Herbsttisch schmücken,“ greift Marlies mit einer Behändigkeit zu, die man ihr in ihrem Alter gar nicht zugetraut hätte. „Jetzt  brauche ich aber noch ganz schöne, glänzende,“ fährt sie fort.
„Und was willst du damit?“ Susanne ist wie immer neugierig, oder - wie sie es nennt - wissbegierig.
„Die stecke ich in meine Hosen- und Manteltasche, wenn du es genau wissen willst“ macht Marlies kein Geheimnis aus ihrer Suchaktion.  
„Und was soll der Schwachsinn?“ Susanne schüttelt den Kopf.
„Hast du noch nie gehört, dass Kastanien vor Rheuma und Gicht schützen?“ Marlies lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Susanne lacht. „So 'nen Humbug glaubst du doch nicht wirklich!“
Nun sieht Marlies sich genötigt, Aufklärungsarbeit zu leisten. So doziert sie: „Die Rosskastanie ist schon seit dem Mittelalter wegen ihrer heilenden Wirkung bekannt. Die Rinde gilt volkstümlich als Fiebermittel. Und bei Krampfadern werden Kastanien seit jeher eingesetzt.“
„Ja gut, das mag ja stimmen“, rudert Susanne den „Humbug“ etwas zurück, „aber dass Kastanien Heilkräfte entwickeln, nur, wenn man sie in der Hosentasche mit sich rumschleppt - das glaube ich nicht.“ Nach kurzer Gedankenpause muss sie dann jedoch zugeben: „Aber der Glaube soll ja bekanntlich Berge versetzen.“ Und da sie schon einmal dabei ist, zitiert sie gleich ein anderes Bibelwort: „Wer glaubt, wird selig.“ Dabei fällt ihr ein, dass ihre Oma immer sagte: „Wer glaubt wird selig, wer backt wird mehlig.“ Die Erinnerung lässt sie herzhaft lachen.
Marlies findet das gar nicht lustig und erklärt ernst: „In der Hosentasche entwickelt die Kastanie wohltuende Wärme, die Gelenkschmerzen lindert. Außerdem kann man die runde Frucht mit der glatten Oberfläche als „Handschmeichler“ nutzen und in der geschlossenen Hand hin und her drehen. Das beruhigt.“
Marlies bückt sich – mühsam – hebt eine wohl geformte tiefbraune Kastanie auf, reibt sie sorgfältig am Jackenärmel bis sie glänzt wie eine polierte Zauberkugel, betrachtet sie gedankenverloren einige Sekunden lang und steckt sie dann in die Hosentasche.
„Wenn sie nicht helfen“, sagt sie nachdenklich, „so bergen Kastanien in der Hosentasche zumindest keine Risiken und Nebenwirkungen.“
Das überzeugt Susanne und nun sucht sie ebenfalls einige Herbstfrüchte und lässt diese in die Jackentasche verschwinden. Heimlich, verschämt.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Wenn die Kraniche ziehen


Der Lärm kommt näher. Ein Riesenspektakel. Die Großeltern sind mit ihren Enkeln Hannes und Felix auf einem Spaziergang unterwegs. Oma hält sich die Ohren zu. „Oh Gott, das himmlische Strafgericht. Das kommt doch von oben mit Pauken und Trompeten.“ Sie blinzelt in die grelle Sonne. Weiße Gestalten segeln durch die Luft. „Oh Gott, Engel, jede Menge Engel“, kreischt Oma. 
„Nun lass Gott aus dem Spiel und die Engel auch“, beruhigt Opa. „Das sind Kraniche, Hollergänse sagen wir hier in der Eifel dazu. Sie fliehen vor der Kälte in den warmen Süden.“
„Woher wissen die Vögel denn den Weg?“, will der 10jährige Hannes wissen. „Da oben stehen doch keine Wegweiser.“
Der Opa erklärt gerne: „Hauptsächlich orientieren sie sich an unterirdischen Magnetlinien. Dann beobachten sie aber auch den Sternenhimmel mit dem Polarstern sowie die Sonnenauf- und untergänge. Außerdem merken sie sich Gebirgszüge, die in Nord-Südrichtung verlaufen. Und dann ist da noch der Heimatinstinkt, der schon manchem Tier den Weg nach Hause finden ließ.“ Die Kinder nicken. Solche Geschichten haben sie schon über Hunde und Katzen gehört. 
„Und wieso hat der Mensch nicht so einen Instinkt?“, wundert sich der kleine Felix.
„Eine gute Frage“, antwortet Opa. „Vielleicht hat der Neandertaler noch instinktiv zu seiner Höhle zurückgefunden. Heute braucht der Mensch Landkarten, Straßenkarten, Routenpläne und Navigationsgeräte, um sich zurecht zu finden.“
Felix weiß aber auch: „Mama hat ein Navi im Auto und verfährt sich trotzdem immer.“ Das will nun niemand kommentieren. 
Oma weiß etwas aus ihrer Kindheit zu berichten. „Wir haben den Vögeln immer zugerufen: Krunekrane, wisse Fahne! Es sieht doch tatsächlich so aus, als wenn zig Fahnen im Wind wehen.“ Den Ruf probieren die Kinder nun gleich aus. Sie winken den Reisenden der Lüfte zu: „Krunekrane, wisse Fahne, Krunekrane, wisse Fahne...“
Und Oma fällt mit ein: „Krunekrane wisse Fahne...“ 
„Anfang Oktober ist eigentlich noch zu früh für den Kranichzug,“ überlegt Opa. „Nach altem Wetterglauben zeigt das einen frühen und strengen Winter an. Die eigentliche Flugzeit setzt man zwischen den 20. Oktober und den 10. November fest. Aber Kraniche haben ihr spezielles Timing.“ Oma kennt eine andere Wetterregel: „Man soll beim ersten Kranichflug die Vögel zählen. Ihre Anzahl sagt voraus, wie viele Sonnentage der Herbst bringt.“

 Das ist nun ein Stichwort für die Kinder. Sie laufen dem Zug hinterher. „Eins, zwei, drei“, zählen sie die keilförmige Spitze. „Vier, fünf...“ geht es dann die grade Linie weiter. Doch sie sind kaum bei 15 angekommen, als Leben in den bisher ruhigen Zug kommt. Einige Vögel lösen sich vom Ende, überholen links – wie sich das gehört – und drängen sich rücksichtslos irgendwo vorne dazwischen. Das lassen die „Betroffenen“ sich nicht gefallen. Wildes Gewusel und aufgeregtes Gezeter!
„Jetzt sind wir durcheinander gekommen“, ärgern sich die Kinder.
„Schade!“ bedauert die Oma. „Jetzt wissen wir nicht, wie der Herbst wird.“
„Zumindest ist aber schon der kommende Winter geklärt“, erinnert Opa. 
Aber das will jetzt noch niemand so genau wissen.
von Sophie Lange


Samstag, 23. September 2017

Er rollt und rollt - der Rollator

„Niemals!“, sagte Opa Heinrich und schlug mit der Faust auf den Tisch. 
„Aber warum denn nicht?“ Die Enkelin bemühte sich um einen ruhigen, sachlichen Ton. „Alle loben den Rollator als die Erfindung des Jahrhunderts.“ 
 Das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber seit die gehbehinderte Schwedin Aina Wifalk 1978 den Rollator in der modernen Form geschaffen hat, hat dieser eine steile Karriere durchlaufen. Denn er ist eine echte Erleichterung und trägt viel zur Mobilität von alten Menschen bei. 
 „Der Arzt hat ihn dir doch wegen deiner Knieschmerzen empfohlen und wenn er ihn verschreibt, bezahlt ihn sogar die Krankenkasse. Wenigstens zum Teil.“ 
“Niemals!“, donnerte Heinrich. „So ein Fahrgestell ist etwas für alte Leute. Für Greise.“
„Und du bist mit deinen 85 Jahren noch nicht alt?“ Die Geduld der Enkelin war langsam erschöpft. 
 „Ich bin auf jeden Fall nicht so alt, dass ich mich mit so einem Ding lächerlich mache.“ 
 „So ein Quatsch!“ Die Enkelin fächerte mit einigen Blättern, die sie im Internet ausgedruckt hatte, vor Opas Gesicht. „Hier steht, dass allein in Deutschland im Jahr 2016 bis zu drei Millionen mit einem Rollator unterwegs waren. Inzwischen sind es bestimmt noch mehr. Und alle sind zufrieden – und niemand macht sich lächerlich.“ 
 „Das sind bestimmt alles „alte Wiever“. Zu denen passt so ein Kinderkram.“ Opa schnaufte. „Aber nicht zu staatse Männ in den besten Mannesjahren.“ Er warf sich in die Brust.
Die Enkelin musste zugeben, dass es in der Stadt meist Frauen waren, denen man mit dem Rollator begegnete. „Aber nur, weil die Männer nicht zu ihrem Alter stehen. Und eitel sind!“ Bevor Opa sich wieder aufregte, verließ sie rasch das Zimmer. Bloß keinen Streit eskalieren lassen. 
 Etwas später verließ Opa mit seinen zwei Gehstöcken das Haus. Er brauchte frische Luft. Mühsam schleppte er sich bis zum nahen Park und ließ sich erschöpft auf die erste Bank nieder. Das verdammte Knie! 
 Plötzlich stand ein Mann vor ihm. „Hi Heinrich, altes Haus“, grüßte dieser lässig den ehemaligen Kollegen. Heinrich kriegte vor Überraschung zuerst den Mund nicht auf und dann nicht zu. Der Ex-Kollege stützte sich doch tatsächlich auf einen Rollator. „Mein Mercedes“, stellte er grinsend vor. Und schon erläuterte er Bremsen und Lenkmanöver, Leichtigkeit und Standfestigkeit, Transport und Zusammenklappen . „Das Schönste jedoch ist, dass mich laufend Damen mit Rollator ansprechen und die lade ich dann ein - und dann – wie das halt so ist im Alter.“ „Und dann?“ Heinrich war neugierig geworden. Stille. Der Kavalier genießt und schweigt. „Nun sag schon“, bat Heinrich jetzt. „Also gut. Dann, dann rollen wir gemeinsam durch den Park.“ 
 Die beiden Männer beschlossen, ihr Zufallstreffen in einem nahen Café zu beschließen. Und dort kam Heinrich nicht aus dem Staunen heraus. Hier schien ein richtiges Rollatoren-Treffen zu sein. Mehrere Damen hatten ihr Vehikel abgestellt und schlürften selig ihren Kaffee. Und alle kannten den Kollegen, grüßten, winkten ihm zu. Die Damen waren zwar nicht mehr taufrisch, aber alle waren gut drauf. 
„Bist du schon mit all diesen Damen gerollt?“ staunte Heinrich. Der Kollege grinste und schwieg
Als Heinrich nach Hause kam, war die kleine Auseinandersetzung von vorhin vergessen. Die Stimmung schien gelockert, und Heinrich war es auch. So ganz nebenbei meinte er zu seiner Enkelin: „Ich habe mir das nochmal überlegt mit dem Rollator. Wäre vielleicht gar nicht so verkehrt.“
Woher dieser Sinneswandel kam, verriet er allerdings nicht. Der Kavalier genießt und schweigt.
Sophie Lange





Sonntag, 17. September 2017

Frau Dingsda

Es ist ein milder Abend nach einem heißen Tag. Den will Mariechen noch genießen, setzt sich auf die Bank vor dem Haus und träumt vor sich hin. Doch bald ist es aus mit der Ruhe. Die Nachbarin steht vor ihr und reißt sie aus ihren Träumen. Und schon schnattert diese los. Alles so ein Tratsch aus der Nachbarschaft. Mariechen schaltet auf Durchzug.
Heute habe ich in der Stadt die Frau – ähm – die Frau Dingsda getroffen. Weißt du, die früher im Eckhaus gewohnt hat.“ Ja, Mariechen erinnert sich. Die trug noch immer eine Kittelschürze, als diese schon lange aus der Mode war. „Wie heißt die denn noch mal?“, will die Nachbarin wissen. Mariechen überlegt, aber ihr will der Name nicht einfallen, obwohl sie ihn sicher hundert Mal gesagt hat.
Ach diese Plage, dass man immer die Namen vergisst“, seufzt die Nachbarin.
Das hat mit dem Alter zu tun“, erklärt Mariechen. „Da wird man vergesslich."
Nee, nee“, wehrt sich die Nachbarin. „Mein Neffe ist kaum 40 und der vergisst auch immer alle Namen. Er muss sich diese stets aufschreiben.“ Beiderseitiges Kopfnicken. „Mir liegt der Name auf der Zunge!“, wieder die Nachbarin, “aber er will nicht raus.“Hieß die nicht Frau Groß“ kramt Mariechen in ihrem Gedächtnis.
„Nee, nee“, die Nachbarin wieder. „Die ist zwar groß, aber die heißt nicht Groß. Ganz bestimmt nicht!“
Die beiden Damen wechseln das Thema. „Was kommt denn heute im Fernsehen?“ Gemeinsames Überlegen.
Spät am Abend. Mariechen hat Fernsehen geguckt. Irgendeinen Krimi. Wie hieß der doch gleich? Ist ja auch unwichtig. So was muss man sich nicht unbedingt merken. Das weiß das Gehirn ganz genau und legt die Information auf Eis in irgendeiner Gehirnecke. Mariechen brüht sich ihren Schlaftee auf und setzt sich gemütlich auf die Couch. Da geht das Telefon. Wer ist das denn noch!
Sie nimmt den Hörer ab und da tönt es ihr auch schon lautstark entgegen. „Ich bin et nur!“ Die liebe Nachbarin.
„Ist was passiert“, fragt Mariechen erschrocken.
„Nee, nee, aber ich weiß jetzt wie die Frau vom Eckhaus heißt. Ist mir eben eingefallen.“ Und sie beginnt wieder ihr Parlieren im Schnelltempo. „Also, ich war noch ein paar Teller am abwaschen am tun, dachte an dies und das oder besser gesagt an gar nix, da macht es plötzlich klick und da fiel mir der Name schnaggewesch wieder ein.“
Ja, das Gehirn arbeitet weiter, kramt in allen „Schubladen“, in denen irgendwelche unwichtigen Dinge abgelegt wurden und dann - plötzlich – schwupps, alles klar. Ja, verloren geht nichts im Kopf.
Und wie ist der Name“, will Mariechen nun endlich wissen. „Sag schon, mach et nit so spannend."
Die Nachbarin macht eine Pause, es muss ja richtig spannend sein und erst nach einigem Räuspern gibt sie das Geheimnis preis: „Die heißt Kleinschmidt!“
Kleinschmidt“, wiederholt Mariechen. „Ja richtig! Kleinschmidt! Ich habe ja gleich gesagt, dass es etwas mit „Groß“ zu tun hat."
Sophie Lange

Freitag, 21. Juli 2017

Alte Freundinnen


Johanna saß in der Cafeteria, sie hatte einen Salat bestellt, weil sie zu faul war, sich selbst ein Abendessen zuzubereiten. Außer ihr saß hier und da eine einsame alte Dame oder ein einsamer alter Mann. Auch schon mal zwei Herren, die sich wortkarg unterhielten. Sie kannte die anderen nur vom Sehen. Man begrüßte sich freundlich beim Hereinkommen und wünschte sich einen guten Appetit. Ob den alle hatten? Johanna eigentlich auch nicht, aber einen Salat kann man ja immer essen, auch ohne.
Es war ganz still in dem großen Raum – bis die beiden Freundinnen hereinschneiten und mitten im Raum an Tisch fünf Platz nahmen. Das Abendessen mussten sie nicht bestellen, das wurde schnell gebracht, sie haben ein Abendessen-Abonnement. Offensichtlich jeden Abend zu faul, sich etwas zu machen.
Heute Abend war es ein Pfannkuchen, gefüllt mit Champignons in einer Soße, dazu ein bisschen Salat.
„Mir schmeckt das gar nicht“, sagte Ilse.
„Aber wieso, ist doch lecker“, sagte Marianne.
„Für dich vielleicht, ich mag es nicht.“ Pause.
„Hallo, hallo Bedienung“, rief Ilse.
„Ich komme. Was gibt es denn?“
„Ich mag das Essen nicht.“
„Tut mir leid.“
„Ich möchte was anderes, ein Butterbrot vielleicht.“
„Tut mir leid, aber das hätten Sie eher sagen müssen.“
„Wieso?“
„Sie haben doch schon mit dem Essen begonnen.“
„Ja, aber ich mag es nicht.“
„Ich kann Ihnen natürlich belegte Brote bringen, aber die müssen Sie dann extra bezahlen.“
„Wieso?“
„Weil es im Abonnement entweder das vorgesehene Essen gibt oder aber Butterbrote, beides gibt es nicht für dasselbe Geld.“
„Das finde ich nicht richtig.“ Pause. Aufmerksame Stille an den anderen besetzten Tischen.
„Was wollen wir denn nun machen?“, fragte die Bedienung, immer noch höflich.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann Ihnen Brote bringen, aber nicht umsonst.“
„Das finde ich kleinlich. Gut, dann esse ich den Pfannkuchen, obwohl er mir überhaupt nicht schmeckt.“
„Wie Sie wollen“; sagte die Bedienung und flüchtete. Schweigen an Tisch fünf.
Johanna schmunzelte vor sich hin. Sie hatte schon öfter Gespräche zwischen den beiden Freundinnen mitbekommen. Eine von beiden war schwerhörig.
„Weißt du, dass Isoldes Tochter demnächst heiratet?“
„Ach. Na, das wurde aber auch Zeit. Die ist doch bestimmt schon an die dreißig.“
„Mindestens.“ Pause. „Sie heiratet in weiß.“
„Und das bei der Figur.“
„Weißt du, Marianne, ich hatte ja schon als zwölfjähriges Mädchen einen solch üppigen Busen wie jetzt.“
„Ach, ich nicht, ich war platt wie ein Brett, und so ist es geblieben.“ Aufmerksame Stille an allen Tischen. Johanna konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Aber da gibt es doch Möglichkeiten, Ilse.“
„Ja, natürlich, ich habe immer Blusen mit Rüschen getragen und darunter, weißt du …“ Es folgte eine intensive Einführung in die Möglichkeiten, aus nichts etwas zu machen. Johanna wagte einen Blick in die Runde und sah, dass besonders die beiden Herren, die nahe am Tisch der Freundinnen saßen, total verstummt waren.


Ein paar Tage später erfuhr Johanna bei einem weiteren Essen in der Cafeteria, dass aus der Hochzeit in weiß nichts wird – der Bräutigam war irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Aus welcher, erfuhr sie allerdings nicht.
Anne Poettgen

Freitag, 16. Juni 2017

Musenhof am Kirchberg


Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Sie bevorzugen den Großen Salon, nehmen aber auch mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur - hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die Bücherwand im Gro0en Salon mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.

Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.

Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten.  Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.

Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.

Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man schlummert selig ein.



.

Dienstag, 9. Mai 2017

Abwechslung um jeden Preis


„Hallo Margret, du siehst aber recht mitgenommen aus. Was ist los?“ Johanna saß bereits am Tisch in der Cafeteria, ihre weißen Haare glänzten in der Sonne. Margret sank langsam auf einen Stuhl und seufzte.
 „Allerdings,“ murmelte sie.
„Erzähl mal“, sagte Irmtraud, die auch schon Kaffee und Kuchen vor sich stehen hatte.
„Neun Uhr dreißig Sitzgymnastik mit Musik im Gymnastikraum.“
„Schön, hab ich auch mal gemacht“, bekannte Gerda und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Du? Wirklich? Hätte ich nicht von dir gedacht.“ Johanna wunderte sich, so kannte sie Gerda gar nicht.
„Wieso, was hast du gegen Sitzgymnastik, zu spießig?“, antwortete die. Und Margret fragte spitz: „Ist dir wohl zu simpel?“
„Nun mal mit der Ruhe, keinen Streit wegen Sitzgymnastik, meine Lieben.“ Irmtraud pochte mit dem rechten Zeigefinger auf den Tisch. Sie war das Haupt und der Mittelpunkt der kleinen Gruppe von älteren Damen, die im Haus am Kirchberg wohnten und sich ab und zu bei Kaffee und Kuchen in der Cafeteria des Hauses trafen.
Johanna kam zu ihrer Frage zurück und meinte: „So stressig ist es aber doch wirklich nicht.“
„Nein, natürlich nicht – aber anschließend um zehn Uhr Nordic Walking“, sagte Margret in leidendem Ton.
„Na, ja, Geschmackssache, sieht irgendwie unelegant aus.“ Irmtraud, auch zuständig fürs Elegante, was man an ihrer erstklassigen Garderobe ablesen konnte. Außerdem exzellenter Haarschnitt. Düsseldorfer Friseur natürlich.
Den anderen war anzusehen, dass auch sie es unelegant fanden.
„Eigentlich hätte ich jetzt gerade im Gedächtnistraining sein sollen,“ fügte Margret noch an und orderte erst einmal einen Cappuccino, zufrieden mit dem Gedanken, dass sie mal wieder schwänzte. Aber dieser Kaffeeklatsch war ihr wichtig.
„Ach verflixt, das habe ich total vergessen, ich auch,“ rief Johanna und machte Anstalten aufzustehen.
„Zu spät“, sagte Margret. Und Susanne musste unbedingt eine ihrer Spitzen loswerden:
„Wozu Gedächtnistraining? Anscheinend doch für die Katz.“ Johanna nahm’s nicht so ernst, sank wieder auf den Stuhl zurück und lachte. „Na, dann morgen Vormittag.“
„Kann man denn von einer Gruppe in die andere wechseln?“, fragte Irmtraud.
„Nein, das wohl nicht, aber ich geh immer in beide.“
„Ach,“ sagte Irmtraud nur. Und Susanne grinste.
Margret fragte: „Wieso Gedächtnistraining, ich hab dich da noch nie gesehen.“
„Kannst du auch nicht, denn du bist wohl um drei Uhr bei Frau Maierling und ich um drei Uhr dreißig bei Herrn Überall.“
„So viel Gedächtnistraining an einem Tag?“, fragte Susanne.
„Täglich irgendwann und irgendwo. Mal nur für Damen, mal nur für Herren, mal gemischt.

 „Hat jemand von euch denn schon mal beim kreativen Arbeiten mitgemacht?“, fragte Irmtraud. „Ich wollte immer mal beim Mandalamalen einsteigen, aber um elf Uhr morgens bin ich noch nicht in der richtigen Stimmung. Da langt es allenfalls für Atem- und Entspannungsübungen, das tut wirklich gut.“ Irmtraud setzte an, die Übungen zu demonstrieren, fand es dann aber wohl zu unelegant. Wollte keinen Anlass zu kritischen Bemerkungen bieten.
„Früher gabs ja mal einen Kurs in Seidenmalerei, ich hab noch reichlich Schals in der Schublade. Müsste ich mal wieder hervorholen.“ Johanna guckte wehmütig und griff nach dem Schal, den sie um den Hals trug, der sah allerdings nicht selbstgemacht aus, eher designermäßig.
A propos Sitzgymnastik“, Margret griff das Thema wieder auf.
„Ja? Gibt’s da was Neues?“, fragte Johanna.
„Einmal Krankenhaus: Sturz, und einmal Essen in der Wohnung: Grippe.“
„Ja, der Schwund ist groß“, resümierte Irmtraud.
„Aber wenigstens kommen die wieder“, versuchte sich Margret in Optimismus.
„A propos Sturz, ich war mal eine Zeit bei der ‚Sturzprävention‘, Donnertagnachmittag. Kollidierte dann leider mit meiner Runde Rummicub.“
Gerda sah plötzlich nach Aufbruchstimmung aus. „Genau wie jetzt – ich muss los.“

Enttäuscht blieben die vier restlichen Damen zurück. Schweigen breitete sich aus, es hatte was Meditatives. Bis Susanne aufschreckte und rief: „Wisst ihr, wer gestern beim Dart gewonnen hat?“
„Dart? Nein, nichts für mich – meine Augen“, Johanna war auch mehr die Intellektuelle und anscheinend nicht neugierig.
„Ja, wer denn?“, fragte Margret.
„Herr Müller-Reinshagen.“
„Was? Na, der ist aber sportlich, der kegelt doch auch.“ Gerda hatte es auch mal versucht, angestiftet von eben jenem Herrn Müller-Reinshagen. Es war ihr zu dunkel gewesen in der Kegelbahn und zu laut, nix für sie. Sie hatte es lieber hell und ruhig.
„Nicht nur das, den sieht man auch im Billardzimmer.“ Irmtraud wohnte im Haupthaus und kam immer an diesem Raum vorbei, wenn sie in die Halle wollte.
„Und das letzte Sportfest hat er auch organisiert.“ Daran erinnerte sich Gerda.
„Sportfest, was soll das denn gewesen sein?“, fragte Susanne, die Kritische.
„Mit Bällchen und mit Ringen werfen und dazwischen isotonische Getränke, damit auch alle durchhielten.“ Gerda sah Susanne an und beide lachten lauthals.
„Hans Dampf in allen Gassen, der Herr Müller-Reinshagen, der ideale Bewohner dieses Hauses.“



Sonntag, 16. April 2017

Höllenfahrt


Susanne hatte fast fünf Minuten auf den Aufzug gewartet. War von einem Fuß auf den anderen getreten. Um diese Zeit, kurz vor der Mittagsmahlzeit, war das keine Seltenheit. Aber es trübte die Stimmung immer aufs Neue. Von der siebten Etage zu Fuß bis ganz unten zum Speisesaal, das wollte sie ihren Knien nicht zumuten.
Der Aufzug war dann ganz leer und sie ging gleich durch bis an die hintere Wand. Er würde nicht leer bleiben. Schnell noch ein Blick in den Spiegel, ja, die Bluse saß und die Frisur auch.


Auf der sechsten Etage wartete das Ehepaar Schmidt-Schleiermacher, sie im Rollstuhl. Beide hocherfreut über so viel Platz. Ungewohnt um diese Zeit. Manchmal hatte der Aufzug Launen und brachte Leute von den unteren Stockwerken nach oben, obwohl sie eigentlich alle nach unten zum Mittagsessen wollten. Man begrüßte sich freundlich. Susanne machte eine Bemerkung über den schicken roten Pullover und fragte nach dem Befinden. Mäßig, wie immer.  

Fünfte Etage: zwei Damen samt Rollator, beide. Sie beklagten sich lautstark, dass sie so lange hatten warten müssen. Die Insassen zu begrüßen, wie es eigentlich üblich war in diesem vornehmen Haus, ersparten sie sich heute. Schmidt-Schleiermachers und Susanne sahen sich an: was will man auch erwarten … Nicht alle hatten ihr Niveau. Der Fahrstuhl setzte sich mit Verzögerung in Bewegung, weil Frau Marbach unbedingt sofort ihren Rollator drehen wollte, halb auf der Schiene des Aufzugs. Der stieß ein mahnendes Fiepen aus, ungehört. Frau Stein, die zweite Dame, schob sich schweigend neben den Schmidt-Schleiermacher-Rollstuhl.

Vierte Etage: Herr Lautstark, Susanne murmelte den Spitznamen und wartete gespannt. Und tatsächlich: „Würden Sie sie bitte den Rollator so stellen, dass auch ich noch hinein passe?“ Laut, weil schwerhörig, ergänzte Susanne bei sich. Frau Marbach ruckelte an ihrem Gerät, es tat sich nichts. „Wie blöd kann man sein – Sie müssen in der Mitte hochziehen, dann klappt er zusammen.“ Der Rollator.
„Wie reden Sie denn mit mir?“ Frau Marbach war zu recht empört und stellte ihre Bemühungen ein. Der Aufzug ließ wieder sein mahnendes Geräusch hören, gefühlt viel schriller als eben. Herr Lautstark stand voll auf der Schiene, griff jetzt nach der Schlaufe auf dem Rollator von Frau Marbach und brachte ihn tatsächlich in eine Position, die ihm, dem Herrn Lautstark erlaubte, in den Aufzug hinein zu kommen. „Guten Tag, meine Herrschaften, was gibt’s denn da zu glotzen?“ Laut. Alle richteten sofort ihre Blicke zu Boden – Streit mit Lautstark – nein, danke. Man war nun zu fünft. Herr Lautstark hatte reichlich Platz. Wer wollte schon mit ihm in Tuchfühlung sein.

Dritte Etage: Frau Klein mit Krücken. „Würden Sie bitte etwas Platz machen, Sie sehen doch, dass ich behindert bin.“ Ja, das sah man, aber wie sollte man sich aufstellen, damit Frau Klein samt Krücken Platz hatte?
„Frau Marbach, sie könnten Ihren Rollator drehen und der Rollstuhl, kann der nicht noch etwas weiter nach hinten?“ Offensichtlich war Frau Klein ans Kommandieren gewöhnt. Der arme Mann, dachte Susanne. Und schrie auf: „Halt, meine Füße.“ Der Rollstuhl war mit einem Ruck bewegt worden. Herr Schmidt-Schleiermacher war nicht der Übeltäter.
„Stellen Sie sich nicht so an“, zischte Frau Klein. Sie lehnte sich jetzt bequem an die Wand, die Krücken zur Abwehr vor ihrem Bäuchlein versammelt. Bäuchlein, so nannte sie, was andere eine Wampe nannten. So etwas fiel Susanne ein, die Sinn für Gemeinheiten hatte.

An der zweiten Etage hielt der Aufzug ein weiteres Mal. Herr Bergmann, ein etwas schüchterner grauhaariger Mann, versuchte, einen Platz zu ergattern. Die schräg gestellten Krücken hinderten ihn daran.
„Warum müssen Sie unbedingt mit diesem Aufzug fahren, Sie haben doch dahinten einen weiteren auf dieser Etage. Zu faul die paar Schritte zusätzlich zu laufen.“ Frau Klein war nicht zu bremsen. Der schüchterne Herr Bergmann wisperte: „Der Aufzug ist kaputt.“ Keine Entschuldigung von Frau Klein. Herr Lautstark nickte ihr zu.
 
Und auf der ersten Etage: Frau Angenfort, gut gelaunt wie immer. „Da sind wir ja wieder alle zusammen. Ja, wenn es an die Krippe geht.“ Sie lachte fröhlich. Niemand sonst.

Erdgeschoß. „Na dann wünsche ich guten Appetit.“ Frau Angenfort, immer noch gut gelaunt und freundlich, verließ den Aufzug als Erste und nahm Kurs auf den Speisesaal. Frau Klein hatte ihre Krücken in Position gebracht, dem schüchternen Herr Bergmann gelang gerade noch der Sprung aus dem Aufzug. Herr Lautstark, oh Wunder, ließ Frau Klein mit einer höflichen Geste den Vortritt. Die ließ sich Zeit, versperrte breitkrückig den Weg, so dass Frau Marbach keine Möglichkeit hatte, ihren Rollator in Stellung bringen. Man sah ihr deutlich an, dass sie versucht war, dem vor ihr stehenden Herrn Lautstark in die Hacken zu fahren. Da man sich kannte, verkniff sie sich die kleine Rache, drehte sich um und grinste Susanne an. Die stand immer noch auf ihrem hinteren Platz, festgenagelt vom Rollstuhl, der seinerseits noch nicht in Richtung Ausgang bewegt werden konnte.
Frau Schmidt-Schleiermacher hatte die Augen geschlossen, sichtlich entnervt. Warum mussten sie auch auf der sechsten Etage wohnen – jeden Tag die gleiche Höllenfahrt.


Samstag, 1. April 2017

Hausputz total


„Der Frühling ist da.“
„Ja, der Frühling ist da und mit ihm der Hausputz.“
„Ja, der Hausputz, ich hab‘ schon angefangen.“
Gerda saß mit ihren Tischnachbarinnen beim Kompott zusammen. Frau Ebermaier, rundlich, sehr rundlich, und Frau Busch, eher ein wenig streng. Von Frau Ebermaier wusste sie, dass sie die Reinhaltung ihrer Wohnung sehr ernst nahm. Frau Busch hatte also schon angefangen mit dem Hausputz. Donnerwetter. Ob sie fragen sollte, womit denn, dachte Gerda. Frau Busch erzählte freiwillig:
„Ich habe mit der Küche angefangen¸ das ist so schön überschaubar.“ Da hatte sie Recht, die Küchen waren zwei Quadratmeter groß, plus minus einige Quadratzentimeter, je nach Lage. „Ich hab‘ alles Porzellan gespült, wird so wenig davon gebraucht. Der Rest verstaubt.“
Ja, auch das stimmte, Gerda und Frau Ebermaier nickten. Morgens das Frühstücksservice, abends auch nur ein kleines Gedeck. Das Mittagessen wurde ja im Speisesaal serviert.
„Erfreulicherweise habe ich auch einen lange vermissten Meißenteller wiedergefunden.“ Man sah Frau Ebermaier an, dass sie sich wunderte:  da ist offensichtlich wirklich lange nicht gespült worden.

Frau Ebermaier hatte noch nichts zu erzählen, Gerda war gespannt auf morgen. Sie wollte sicher nicht ins Hintertreffen geraten und beweisen, wie man einen Haushalt zu führen hatte. Mochte er auch noch so klein sein. Hatte sie nicht kürzlich erzählt, dass sie regelmäßig die Fußleisten abstaubte? Obwohl ihr das Bücken so schwer fiel. Auf diese Mitteilung hin hatte es eine längere Diskussion gegeben, ob es im Erdgeschoss, Straßenseite, mehr staubte als im dritten Geschoss, bei Frau Busch, Gartenseite, oder bei ihr, im fünften, ebenfalls Gartenseite. Auch eine Befragung der Putzfrauen durch Frau Ebermaier hatte kein Ergebnis gebracht. Keine Ahnung – wahrscheinlich auch kein Interesse. Sie putzten überall gleich lang, eine Viertelstunde pro Woche. Allerdings mal zwei.
Gerda war bei der Gelegenheit eingefallen, dass eine ihrer Schwägerinnen verdächtigt wurde, sogar die Ritzen zwischen den Fußbodenbrettern mit der Zahnbürste zu reinigen. Den beiden Damen hatte sie davon nichts erzählt, es war ihr zu peinlich. Außerdem war das lange her, heutzutage gab’s keine Holzdielen mehr. Hier im Haus entweder Teppichboden, oder Parkett oder Laminat, je nach Geldbeutel.

Gerda überlegte, was sie zum Thema Frühjahrsputz beitragen könnte. Auch sie lebte gern staubfrei. Sie hatte sich einen Staubwedel gekauft – aus Straußenfedern. Damit machte das Entstauben richtig Spaß, man wischte nicht oder vielmehr nur darüber hin. Bei der ersten Probe war sie erstaunt gewesen, dass der Staub tatsächlich verschwunden war. Sie musste die kleinen Porzellanfigürchen nun nicht mehr einzeln in die Hand nehmen, sie flog sozusagen darüber hin und alles war gut. Damit würde sie  allerdings die beiden Damen nicht beeindrucken, das wusste sie. Diese Art des Entstaubens war schon einmal Thema gewesen.
Ha! Bücher entstauben. Aber nicht mit dem Wedel, sondern per Hand. Aber nicht heute, morgen war auch noch ein Tag. Und außerdem gab es den Ausweg, Frau Kruschel um Unterstützung zu bitten, ihre frühere Putzhilfe.

„Meine Damen, Sie sind doch erfahrene Hausfrauen – Sie müssen mir einen Rat geben.“ Frau Busch guckte aufmerksam, Gerda abwartend.
„Es geht um die Abdeckung meiner Balkonmöbel. Wo kann ich sie wohl säubern?“
Keine Antworten.
„Früher habe ich das im Keller unseres Hauses gemacht. Einfach mit dem Schlauch. Wissen Sie, ob es hier im Haus einen Raum für so etwas gibt?“ Gerda hielt das für unwahrscheinlich, Frau Busch auch.
„Wie wäre es mit der Dusche?“, wagte Gerda einen Rat, sie konnte es sich vorstellen.
„Um Gottes Willen, so viel Schmutz in meiner Dusche. Das spritzt doch. Der ganze Boden. Und meine Kleidung.“ Ja, konnte sein.
„Ich könnte vielleicht …, ich müsste vielleicht …“ Gerda und Frau Busch guckten neugierig. Was wohl?
„Ich müsste das vielleicht nackt in Angriff nehmen.“ Gerda guckte verblüfft. Meinte sie das wirklich? Frau Busch schluckte etwas herunter. Und beide versuchten verzweifelt, sich diese Aktion nicht vorzustellen.




Donnerstag, 16. März 2017

Der Meistersinger


„Du, Gerda, ich bin gestern Nachmittag am Großen Salon vorbeigekommen und fand euren Gesang sehr schön. Habt ihr neue Mitglieder?“
Johanna, Margret, Gerda und Elvira saßen bei Kaffee und Kuchen beisammen. Sie hatten einen Tisch an der Fensterfront der Cafeteria ergattert. Waren besonders früh, nämlich schon um halb drei aufgelaufen – sonntags war es immer so voll.
„Ja, zum Beispiel Frau Ewerwein, erst vor einem Monat eingezogen.“ Gerda war schon länger Mitglied der Gruppe, die sich am Samstagnachmittag der Volksmusik widmete. Loblieder kamen bei ihr sehr gut an. Das wusste Elvira, die neu in der Gruppe war und noch Boden gut machen musste.


„Ich bin gestern auch vorbeigekommen und mir hat besonders eine Männerstimme imponiert.“ Margret beugte sich zu Gerda hinüber.
„Das war dann sicher Walther von der Vogelweide.“
„Wie bitte?“  „Wie heißt der?“  „Soll wohl ein Witz sein?“ Drei erstaunte Ausrufe. Gerda lachte schallend.


„So nennen wir ihn, hinter seinem Rücken natürlich. Obwohl ich glaube, dass er eher geschmeichelt wäre als beleidigt.“
„Er liebt wohl Balladen?“ fragte die gebildete Johanna. Sie war einmal Bibliothekarin gewesen, ihre kurz geschnittenen weißen Haare wiesen sie noch immer als Intellektuelle aus.
„Ja, tatsächlich, aber er kommt selten zum Zuge. Wir haben es lieber leichter. So neu ist der aber nicht, gehört schon zu den Gründungsmitgliedern“, erklärte Gerda.
„Warum nennt ihr ihn denn so seltsam?“, fragte Elvira, man sah ihr an, dass der Name Walther von der Vogelweide ihr nicht so geläufig war.
„Ganz einfach – er hält sich für einen Meistersinger.“ Jetzt lachten alle vier.

Gerda und Johanna waren auf dem Weg vom Aufzug zu ihrer jeweiligen Wohnung auf der dritten Etage. Sie kamen vom Mittagessen. Johanna fragte:“ Wo wohnt eigentlich der Meistersinger?“
„Hier auf unserer Etage. Wir sehen ihn selten, weil er zu einer anderen Zeit zu Tisch geht.“
„Ach.“
„Was ist?“
„Bei mir am Tisch war die Rede davon, dass er Gesangsunterricht nehmen will.“
„Toll, das verbessert die Runde um einiges.“

Wieder mal saßen die vier Damen beieinander. Johanna und Margret waren sichtlich missgestimmt.
„Was ist los mit euch? Ist euch eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte Gerda.
„Wie macht sich eigentlich der Meistersinger in eurem Kreis?“, fragte Margret.
„Warum fragst du? Willst du von deiner schlechten Laune ablenken? Wir finden alle, dass er sich gesteigert hat. Es ist ein Genuss, ihm zuzuhören.“
„Walther von der Vogelweide war ein Minnesänger“, mischte Elvira sich ein. Sie hatte ihr Wissen erweitert, mit Hilfe von Google, wie sie freimütig gestand.
„Unserer auch, er tätschelt auch ganz gern mal seine jeweilige Sitznachbarin. Verbunden mit einem Kompliment, allerdings nicht in gesungener Form.“ Gerda plauderte aus der Schule. „Aber er hat sich wirklich gesteigert. Wir werden ihn sicher bald nur noch ‚Meistersinger‘ nennen, das hat er verdient.“ Gerda war ganz enthusiastisch.
„Auf Kosten seiner Nachbarn.“ Johanna äußerte sich mit grämlich verzogenem Mund.
„Wie meinst du das denn?“, fragte Elvira.
„Wie ich es sage.“
„Ich kann euch das erklären“, sagte Margret, wollte wohl die schlechte Stimmung nicht ausufern lassen. Sie holte tief Luft und fuhr fort:“ Er nimmt Gesangsunterricht.“
„Ja, das hat er anklingen lassen.“ Gerda.
„Aber das ist doch schön.“ Elvira.
„Nein.“ „Nein, ganz und gar nicht.“ Margret und Johanna.
„Also raus damit, was ist los?“ Gerda.
„Er hat sich irgendwoher ein Klavier kommen lassen und einen Gesangslehrer engagiert. Ihr wisst, wie dünn die Wände sind.“ Margret.
„Dreimal die Woche!“ Johanna. „110 Dezibel.“ Margret. „Entspricht dem Lärm einer Kettensäge!“ Johanna. „In der Wohnung.“ Margret.


Sonntag, 5. März 2017

Was macht der Gärtner auf der sechsten Etage?


Susanne von der siebten, Gerda von der fünften und Johanna und Margret von der dritten Etage saßen zusammen in der Cafeteria. Die Sonne schien, es war Frühling, sein Duft wehte durch die offenen Fenster. Gemischt natürlich mit dem von Kaffee und Kuchen. Was für eine schöne Mischung. Die vier Damen waren zufrieden und es fehlte ihnen auch nicht an Gesprächsstoff.
„Habt ihr eine Ahnung, was ein Gärtner ständig auf der sechsten Etage zu suchen hat?“, fragte Margret.
„Haben wir denn neuerdings einen Dachgarten?“ Johanna schreckte von ihrem Kuchenteller hoch.
„Aber Johanna­ …“, empörte Stimmen, empörte Blicke der drei anderen.
„Ja, stimmt, der könnte höchstens auf der siebten Etage sein.“ Johanna, ziemlich beschämt.
„Da ist aber auch keiner, das müsste ich wissen“, sagte Susanne.
„Woher weißt du denn was von einem Gärtner und der sechsten Etage, Margret?“, fragte nun Gerda und war sichtlich neugierig.
„Ich sehe ihn mehrmals die Woche rauffahren.“
„Aber du wohnst doch auf der Dritten.“ Gerda.
„Stimmt, aber ich seh‘ doch, welchen Knopf er drückt.“ Das sahen alle ein.
„Wir könnten doch mal die Blumenkästen auf der Sechsten inspizieren, ich lade euch ein.“  „Natürlich nur zum Gucken“, fügte die geizige Susanne gleich an.
„Keine schlechte Idee, vielleicht eine Anregung für den eigenen Blumenkasten“, Gerda war auf alles neugierig.
„Ja, das machen wir, wir kommen mit“, sagte Margret, die die Frage geklärt haben wollte. Johanna schwieg.

Kaffee und Kuchen waren getrunken und verzehrt, deutlich schneller als normalerweise. Die vier Damen gingen zum Aufzug und fuhren zur siebten Etage. Vom Balkon aus hatten sie einen guten Blick auf sechs Blumenkästen an sechs Wohnungen. Mehr als einen pro Wohnung gab es nicht.

„Ich seh‘ nichts Besonderes.“
„Ich auch nicht.“
„Geranien, frisch gepflanzt, Stiefmütterchen – schon etwas vergammelt. Daneben nackte Erde.“ Margret zog Bilanz, die anderen stimmten ihr zu – nichts, aber auch gar nichts Besonderes, zu dem man ständig einen Gärtner beschäftigen musste. Stumm sahen sie sich an. Vier Köpfe, ein Gedanke.  
„Aber was kann einen denn an dem dicken Gärtner interessieren“, Susanne brachte es auf den Punkt.
„Wieso dicken Gärtner?“, fragte Margret zurück.
„Wir haben doch nur den einen hier im Haus“, meinten die anderen.
„Ja, aber doch nicht unser Herr Schmidt! Viel jünger, schlanker, knuspriger sozusagen.“
„Aber woher weißt du denn, dass es ein Gärtner ist?“, fragte Johanna, die ihre dumme Frage von vorhin vergessen glaubte.
„Große grüne Schürze, Aufschrift ‚Gärtnerei Blumenschön‘. Und immer ein paar Blümchen in der Hand.“
„Na, dann kommt erst mal ins Wohnzimmer und setzt euch“, sagte Susanne. Sie verließen den Balkon und nahmen in Susannes Sesseln Platz.

„Wer kommt in Frage?“, begann Margret die Diskussion. Sie hatte schließlich das Thema in Gang gebracht.
Gut, sie wohnten alle vier schon länger in der Seniorenresidenz, aber wer wo wohnte, das wussten sie nicht, hatte sie bisher auch nicht interessiert. Aber jetzt …
„Wir könnten hinuntergehen und auf der Hinweistafel nachsehen, wer alles hinter den Blumenkästen wohnt.“ Susanne, findig wie immer, hatte die richtige Idee.
„Aber alle zusammen? Wie sieht denn das aus, wenn uns jemand sieht?“ Johanna fand das gar nicht gut, sie wollte nicht als Schnüfflerin in Verruf kommen. Die anderen wohl auch nicht. Aber es war doch ganz einfach. „Ich gehe“, sagte Margret. Und schon war sie weg und wieder da
. Hatte ein Notizblöckchen in der Hand und schwenkte es munter.

Das Rätselraten kam in Gang. Die teils anstößigen Vermutungen sollen hier verschwiegen werden. Höchst unschön. Ein Ergebnis gab es nicht. Natürlich nicht. Man versprach sich, aufmerksam zu sein.

„Übrigens, der Sohn von Frau Eberhard hat die Gärtnerei Blumenschön gekauft - hat sie heute beim Mittagstisch erzählt. Und weil die in der Nähe ist, hat er jetzt mehr Zeit, seine Mutter zu besuchen.“ Ohne eine Miene zu verziehen unterrichtete Gerda ihre Mitverschwörerinnen.

Mittwoch, 22. Februar 2017

Unter uns gesagt

„Sag mal, Johanna, hast du auch manchmal das Gefühl, dass du beobachtet wirst?“, fragt Margret und sieht sich um.
„Beobachtet? Von wem denn?“
„Ja, wenn ich das wüsste, ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht allein bin“, Margret.
„Wie, nicht allein? In deiner Wohnung? Das kann doch nicht sein, so groß sind unsere Wohnungen doch nicht.“ Johanna sieht deutlich verwirrt aus.
„Nicht nur, auch vor dem Aufzug. Ich dreh‘ mich vorsichtig um, aber nichts zu sehen. Trotzdem so ein blödes Gefühl.“ Margret.
Johanna betrachtet Margret, eine Nachbarin, mit der sie sehr vertraut ist, skeptisch:
„Ich wohne doch auf dem gleichen Flur wie du, ich bemerke nichts davon.“ Auch bei näherer Betrachtung findet sie, dass Margret ganz wie immer aussieht. Nicht verwirrt oder sonst wie anders.
„Du denkst wohl, ich spinne“, fragt Margret jetzt ängstlich. Bereut wohl schon, dass sie davon angefangen hat.
„Nein, nein, was denkst du denn, irgendwas muss dich ja stören. Lass uns doch gleich gemeinsam rauffahren, dann kann ich darauf achten, ob mir was auffällt.“
Das findet Margret nett von Johanna und so gehen sie schweigend den Gang entlang vom Speiseraum zu den Aufzügen. Sie sprechen nicht mehr miteinander, damit sie aufmerksamer auf ihre Umgebung achten können. Nichts.
Im Aufzug dann:
„Und, Johanna, spürst du es auch?“
„Was denn?“
„Als wäre außer uns beiden noch eine dritte Person hier drin, natürlich unsichtbar.“
Johanna spürt nichts. Wie unsensibel. Vielleich liegt es an ihr, dabei ist doch eigentlich Margret die Handfeste, die Praktische. Im Aufzug ist nichts Ungewöhnliches, das einzig Technische ist die Lüftung. Und natürlich die Bedienungsknöpfe. Und das Mikrofon, verbunden mit einem Lautsprecher, falls mal was passiert im Aufzug.
Sie steigen auf der dritten Etage aus und gehen gemeinsam den Flur entlang.
„Ich bringe dich noch zu deiner Tür, Margret“, sagt Johanna und sie gehen zusammen bis zum Ende des Flurs. Margrets Wohnung ist die letzte. Das Haus hat eine gestaffelte Fassade, so dass auch Wohnungen und Flure gestaffelt sind. Hinter jeder Ecke könnte jemand stehen, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Man könnte ihn oder sie erst im letzten Moment sehen. Arme Margret. Diese Lage am Ende scheint sie einzuschüchtern. Margret schließt auf:
„Tschüss Johanna, und danke.“


Nachmittags um drei das wöchentliche Kaffeestündchen. Reihum in den Wohnungen, das Zusammensein in der Halle ist doch etwas zu öffentlich. Hat jemand etwas Neues? Erst einmal nicht, also small talk.
Dann rafft sich Margret zu einem Geständnis auch den andern gegenüber auf:
„Ich hab es heute Mittag schon Johanna erzählt: Ich fühle mich beobachtet.“
Wie aus einem Mund: „Von wem?“
Johanna übernimmt die Antwort:
„Sie kann nichts Konkretes sagen, es ist so ein Gefühl. Ihr kennt das doch auch: Man steht irgendwo, dreht sich um ohne einen Grund und stellt fest, da starrt einen einer an.“
Ja, das kennen alle, können es sich nicht erklären und hatten auch noch nie eine Erklärung dafür gehört oder gelesen.
„Und außerdem lauert ja überall die NSA“, Susanne will es spaßig sehen.
„Das betrifft aber doch nur die mit den Geräten“, meint Johanna ernsthaft und geht auf diese Variante ein. Mit den Geräten meint sie wohl die PCs und Smartphones. „Soviel ich weiß, lehnt ihr dieses Teufelszeug doch ab.“
Sie guckt forschend in die Runde, blickt in betretene Gesichter. Anscheinend hat das Teufelszeug doch Einzug gehalten.
„Es muss ja nicht nur die NSA sein, es gibt Hacker genug, die sich für Informationen interessieren“, meint nun Irmtraud, die den Besitz eines Laptops längst zugegeben hat. Und weiter:
„In den letzten Tagen habe ich des Öfteren erlebt, dass mein Internet Explorer einfach aussetzte, ohne dass ich eine Taste berührt hatte.“
„Das sagen alle“, meint Susanne, „das ist doch nur eine Entschuldigung vor sich selbst, wenn man mal wieder was falsch gemacht hat.“ Sie lacht. Ein bisschen hämisch?
Was Irmtraud erbost: „Von wegen, es ist mir mehrfach passiert. Wie früher eine Unterbrechung am Telefon, wenn sich jemand einschaltete, um mitzuhören.“ Irmtraud hatte einen eifersüchtigen Ehemann gehabt.
„Machst du denn Sachen am PC, die andere interessieren könnten?“ fragt Margret, sie sieht eine Verbündete. Die Gefahr lauert eben überall.
„Ja, ehrlich gesagt, mache ich immer noch Online-Banking, und ich kaufe auch schon mal Sachen …“
„Da bist du ja das ideale Opfer. Die klauen deine Daten und kaufen unter deinem Namen und lassen von deinem Konto abbuchen.“ Margret guckt ganz mitleidig.
„Ich habe keinen Computer und ich habe auch nichts zu verbergen“, brüstet sich jetzt Johanna.
„Und was ist mit dem Smartphone, das du dir kürzlich angeschafft hast?“, fragt Susanne, die immer alles weiß. Woher eigentlich?
„Smartphones sollen ja noch viel anfälliger fürs Abhören sein. Dazu habe ich kürzlich einen Bericht im Fernsehen gesehen. Ich glaube, man hackt sich über W-LAN ein und kann mithören, was im Raum gesprochen wird.“ Irmtraud ist wie immer gut informiert und möchte von ihren Gefährdungen ablenken, man soll sie schließlich nicht für blöd halten.
Banges Schweigen.
„Ist das wahr?“, Margret, ein wenig aufgeregt. Hatte auch sie heimlich ein solches Teil gekauft? „Sag mal, Susanne, du hast doch einen guten Bekannten in der IT-Branche, der könnte doch sicher was zu den Aussetzern von Irmtraud sagen.“ Margret.
„Aber“, sagt Irmtraud, die gern die Gesprächsführung hat, „wir sind ganz von Margrets Gefühl des Beobachtetwerdens abgekommen.“
Niemand meldet sich mit einem ähnlichen Gefühl, nur Susanne fragt Margret ganz süffisant: „Du hast wohl was zu verbergen und ein schlechtes Gewissen.?“ Was zu einem peinlichen Schweigen führt.
Johanna, die seit heute Vormittag über Margrets Problem nachgedacht hat:
„Es ist doch nie geklärt worden, was es mit dem Elektrosmog auf sich hat, vielleicht entwickeln sich da Felder, die sensible Personen wahrnehmen können?“
„Und wie ist das mit den Erdstrahlen? Dafür empfängliche Menschen berichten darüber“, Irmtraud.
Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, man hatte mehr oder weniger oft an esoterischen oder esoterisch angehauchten Seminaren teilgenommen; man war geschult im Wahrnehmen außersinnlicher Phänomene. Gut, es hatte nicht immer geklappt, aber man hatte Berichte gehört … Schön, dass Margret von ihren Empfindungen erzählt hat. So kann man endlich wieder von den Erfahrungen erzählen, die man selbst gemacht hat.

„Früher gab es doch Fragebögen, mit denen die Geschäftsführung abfragte, wie es uns geht und wie uns das Leben hier im Haus gefällt. Wollen die das nicht mehr wissen oder erfahren die das jetzt auf andere Weise?“ Ein neuer Verdacht, geäußert von Susanne, die eine lebhafte Fantasie hat und die Ergebnisse gern mitteilt.
„Abhören?`“
„Belauschen, was in den Aufzügen gesprochen wird?“
„Über die Smartphones?“
„Zumindest das, was in der Halle geäußert wird, bekommen die mit.“
„Und auch, was man sich im Großen Salon erzählt.“
„Und beim Kaffeetrinken in der Cafeteria.“
„Im Speisesaal beim Mittagstisch.“
„Ja, stimmt, da hängen doch überall solche Geräte.“
„Sind das Kameras?“
„Oder Mikrofone?“
Irmtraud lacht schallend: „Lautsprecher!“
Das müssen sie zugeben, Durchsagen zu Veranstaltungen im Haus hört man aus diesen unförmigen Geräten.
„Aber wo was rauskommt, kann auch was reingehen“, meint Margret und macht eine Schnute. Sie hatte die Diskussion angefangen und will sie auch am Laufen halten. „Denkt doch an die Anlage im Aufzug, sprechen und hören.“ Verdammt, ja, das stimmt.
Susanne ist vollkommen verstummt, seit die Sprache darauf gekommen ist, dass sie einen IT-Spezialisten kennt. Sie ist intelligent genug um zu begreifen, dass sie das verdächtig macht. Bisher war noch keine der Damen darauf gekommen, aber wer weiß?
Johanna hat nachgedacht und meint nun: „Das Einzige, was wir selber tun können, ist doch, die Smartphones auszuschalten.“
„Aber, liebe Johanna, das ist doch der Sinn eines solchen Teils, dass man erreichbar ist.“ Irmtraud.
„Na ja, ich habe immer noch mein Festnetztelefon, damit telefoniere ich und darüber werde ich angerufen.“ Johanna holt ihr Smartphone aus der Tasche, schaltet es aus und legt es entschlossen auf den Tisch: „Du spionierst mich nicht mehr aus!“
Margret tut desgleichen, Irmtraud auch, wenn auch mit Verzögerung. Susanne?
Susanne hat keins, sie ist sparsam. Geizig, hieß es von ihr hinter vorgehaltener Hand. Sie hat noch ein ganz altes Handy, mit dem man telefonieren kann und sonst nix. Auch ein Rat ihres IT-Freundes, die Dinger speichern nicht.
„Und übrigens, ausschalten nützt gar nichts, da müsst ihr schon den Akku raus nehmen“, sagt jetzt Susanne, sachkundig.
Allgemeines Kopfschütteln und die Frage:
„Wieso denn das???“
„Das weiß ich leider auch nicht, mein IT-Freund hat das mal erwähnt,“ rutscht es ihr raus.
„Übrigens, auch die Telekom ist mit im Komplott, ihr Lieben. Über die Vorratsdatenspeicherung brauchen wir uns wohl nicht zu unterhalten, unsere Telefonate und E-Mails sind definitiv langweilig für andere. Aber, ist euch nicht auch schon aufgefallen, dass sich immer dann, wenn man die Wohnung betritt, die Sprach-Box meldet und entgangene Anrufe bekannt gibt? Woher wissen die von der Telekom, dass wir die Wohnung betreten haben“, Margret ist in ihrem Element. Bespitzelung überall.
„Da hast du Recht, Margret, gestern Mittag kam ich vom Arzt, schließe auf und schon ruft die Nummer 08003302424 an. Und drei Stunden später, ich komme vom Einkaufen, das Gleiche. Und das alles nicht zum ersten Mal.“ Susanne.
„Wie kann man das wohl klären?“ Margret.
„Nur an der obersten Stelle. Eine von uns schreibt an den Vorstandvorsitzenden der Telekom und bittet um Erklärung. Ganz höflich natürlich.“ Irmtraud. Und an ihr wird es wohl auch hängen bleiben.

Die vorgesehenen zwei Stunden für den wöchentlichen Austausch sind vorüber. Tief befriedigt vom Austausch und von der Darstellung der eigenen Erfahrungen auf allen möglichen Gebieten geht man nach Hause. Das heißt, man begibt sich auf die entsprechende Etage, mit dem Aufzug. Schweigend.









Samstag, 14. Januar 2017

Lärm

Gerda und Johanna sitzen in der Cafeteria bei ihrem Latte Macchiato und kämpfen offensichtlich beide mit sich, ob sie das äußern sollten, was ihnen durch den Kopf geht.
„Mal vorausgeschickt: Ich wohne sehr gern hier am Haus am Kirchberg …“
„Ja, und was kommt jetzt?“, fragt Johanna und schiebt ihre schlohweißen Haare nach hinten, dabei sitzt ihre Frisur tadellos.
„Findest du nicht auch, dass es manchmal recht ungemütlich ist hier im Haus?“, fährt Gerda fort.
„Meinst du den ständigen Baulärm?“
„Ja, klar. Sie bitten natürlich immer um Verständnis, irgendwie bringt man das ja auch auf …“
„Mir fällt das manchmal verdammt schwer. In der Hauptsache werden wohl die Sanitärräume modernisiert. Sieht man ein, macht aber höllischen Lärm, das Entfernen der alten Fliesenbeläge und was da sonst noch passiert.“ Johanna.
„Ich wohne ja noch in der alten Einrichtung, Stufe an der Duschwanne und völlig glatter Boden, man rutscht auch ohne Seife …“, klagt Gerda und zieht ein schiefes Gesicht.
„Ja, ich auch, ich hab da jetzt was auf den Boden geklebt, damit ich mich nicht immer festhalten muss.“
„Und du bist zufrieden mit der Lösung?“, Gerda.
„Bin ich, ist aber teuer.“
„Das Renovieren ist wahrscheinlich auch teuer. Aber vor allem laut.“ Gerda kommt zur ursprünglichen Klage zurück.
„A propos laut.“ Johanna hat offensichtlich auch etwas auf dem Herzen. „Warst du kürzlich auch bei der Silvesterfeier? Gesehen habe ich dich nicht.“
„Nein, ich war außer Haus, hab dann auch bei Irmgard geschlafen. Du kennst sie doch, die mit dem tollen Schmuck. Ab und zu kommt sie ja mal hierher.“ Gerda hätte gern weiter über Irmgard geredet, merkte aber, dass Johanna gar nicht zuhörte.
Die wollte offensichtlich weiterklagen. „Da hast du nichts verpasst, im Gegenteil, es ist dir was erspart geblieben.“ Sie hielt inne, um die Spannung zu erhöhen.
„Eine Sängerin, etwa in unserem Alter …“
„Donnerwetter, die hatte aber Mut.“ Gerda begann zu ahnen.
„Ja, weit mehr als Stimme, sag ich dir. Ich habe nicht geklatscht. Andere waren höflicher. Aber eigentlich war das nicht das Schlimmste: Das war der Klavierspieler.“
„Ach, der ist doch oft hier, spielt nette Melodien aus unserer Jugendzeit, mir gefällt das“, sagte Gerda ganz erstaunt.
„Der war’s aber nicht. Ein Neuer. Gegen den ist der Baulärm gar nichts. Der Baulärm macht Pausen, der aber nicht. Kaum hatte die Sängerin ihren Vortrag beendet und Platz genommen, ging es wieder los. Jedes Gespräch am Tisch verstummte, nicht vor Begeisterung für das Klavier, sondern notgedrungen. Man verstand seine Nachbarn nicht mehr.“ Gerda entnahm dem Gesichtsausdruck von Johanna, dass es schlimm gewesen sein musste.
„Wie war denn das Essen?“
„Lecker, aber verdammt teuer.“
„Wahrscheinlich mussten sie Überstunden bezahlen, es war ja eine Zusatzleistung. Und das wirkt sich auf den Preis aus.“
„Ja, mag sein. Es war sehr nett gedeckt und wie gesagt, geschmeckt hat’s. Wenn nur der Höllenlärm nicht gewesen wäre.“ Johanna schien noch immer den Klang im Ohr zu haben und schwieg.
Nun blickten beide stumm zum Fenster hinaus. Draußen lag noch ein wenig Schnee. Wenigstens war es im Moment hier in der Cafeteria nicht allzu laut. Sie war nicht so gut besucht wie sonst.
Johanna sah sich um und erstarrte: Ein Mann näherte sich dem Flügel, der hier in der Ecke stand.
„Gerda! Das ist er! Jetzt nichts wie weg.“