Samstag, 9. Dezember 2017

Der Überfall


„Habt ihr das schon gehört? Unsere Margret!“ Susanne war außer Atem in die Cafeteria gerauscht.„Nein. Was ist denn?“, fragte Johanna und strich sich wieder ihre weißen Haare nach hinten. Eine Macke, wie Susanne hinter vorgehaltener Hand meinte.„Der Überfall!“„Der Überfall, oh Gott! Was ist passiert?“ Gerda.„Habt ihr Margret denn nicht gesehen? Blau – das ganze Gesicht!“ Susanne, hocherfreut, dass sie als Einzige Genaueres wusste. Sie hatte sich inzwischen niedergelassen.
Johanna war in ihren Stuhl zurückgefallen, sie war sprachlos, sie war entsetzt.
Auch Gerda konnte es nicht fassen: blau – im ganzen Gesicht. Musste ja schrecklich aussehen.
„Und wie ist es denn passiert?“ Johanna.
„Hoch dramatisch!“ Susanne.
„Nun red‘ schon!“ Gerda.
Susanne holte tief Luft, reckte sich und begann: „Also, das war so: Margret machte mit ihren Tischnachbarn einen Besuch in Düsseldorf.“ Pause.
„Ja und?“ Gerda.
„Ja, und stellt euch vor …“, Susanne legte eine weitere Pause ein. Es brachte ihr nicht viel, die beiden anderen schwiegen, starrten sie nur an, zunehmend ungeduldiger.
„Stellt euch vor: Da kommen drei Bengel, Burschen, höchstens sechzehn – vielleicht siebzehn Jahre alt und rempeln Herrn Obermaier an – einer der Tischnachbarn von Margret.“ Die beiden anderen schwiegen weiter – eigentlich ging es doch um den Überfall auf Margret – was redete die da? Endlich bequemte sich Gerda, doch zu fragen: „Und Margret?“
„Ja, stellt euch vor … Margret - Margret stürzte sich auf einen von den Typen – und …“
„Und?“, fragte  nun  Johanna, leicht gereizt durch die stockende Erzählweise von Susanne.
„Und der Typ hat zurückgeschlagen!“
„Zurückgeschlagen …“, murmelte Gerda und schüttelte den Kopf. Was für eine Welt. Alle drei schwiegen jetzt.
„Das war verdammt tapfer von Margret – das hätte ich ihr nie zugetraut.“ Johanna.
„Stimmt. Eigentlich ist sie doch eher zurückhaltend.“ Gerda.
„Ich hätte das nicht gemacht, ehrlich gesagt.“ Susanne.
Man saß noch eine Weile beisammen, trank Kaffee, aß Kuchen und verlor sich in Gedanken über die Schlechtigkeit der heutigen Zeit. Gut, gegen Trump, gegen Erdogan, gegen Putin war das nix – aber es betraf sie hautnah. Eine von ihnen.

Auf dem Weg zum Aufzug trafen die drei Damen auf Margret. Tatsächlich – alles blau. Je nach Temperament wurde umarmt oder nicht. Bedauernde Worte - und endlich die Frage: „Wie ist denn das passiert?“ Schließlich wollte man Margret den großen Auftritt ermöglichen – sie sollte hier und jetzt die ganze Geschichte erzählen können.
„Wie so etwas nun mal passiert: Eine Bodenplatte war locker, ich stolpere, kann mich nicht halten und schon war es passiert – ich lag der Länge nach am Boden.“

Zurück in ihrer Wohnung wunderte sich Margret, dass niemand sie wegen des Sturzes  bedauert hatte. So kannte sie ihre Freundinnen doch gar nicht. Schließlich – ihr ganzes Gesicht: blau.  Und Susanne hatte zwei unerfreuliche Telefonate. Aber sie hielt dicht und verriet nicht, von wem sie die Geschichte hatte.

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