Mittwoch, 27. Dezember 2017

Zwischen den Jahren


Es war still im Wald, kein Laut, kein Geräusch in dem Tal, das der Volksmund „im Paradies“ nennt. Eine heilige Stille oder eine unheimliche Stille? Und doch war da ein geheimnisvolles Flüstern, ein fremdartiges Wispern. Es schien hoch oben aus den Baumwipfeln zu kommen. Oder noch höher aus unvorstellbaren Sphären, fern von Raum und Zeit.

Es war die Zeit zwischen den Jahren vom 24. Dezember bis 6. Januar und in dieser Zeit der 12 Raunächte geschieht so allerhand Mysteriöses zwischen Himmel und Erde. So wurde aus dem Flüstern allmählich ein Säuseln und Rascheln, ein Sausen und Brausen, ein Raunen und schließlich ein durchdringendes Spektakel. Dann ein schrilles Gekreische und ein ausgelassenes Getöse. Jetzt war es klar. Es wurde zur wilden Jagd aufgerufen. Einen Flashmob würde man das heute nennen, ein Treffen, zu dem in den sozialen Netzwerken aufgerufen wird und zu dem sich immer mehr Menschen einfinden. Doch es waren keine Menschen, die da polternd in den Lüften zusammenkamen, sondern Geister, alles was die Geisterwelt zu bieten hat.

Zunächst war da ein stolzer Ritter auf einem noch stolzeren Ross. Wotan höchstpersönlich, der germanische Gott und Heeresführer; ihm zur Seite ruhmreiche Ritter, wilde ewige Jäger, grausige Höllengeister, knochenbleiche Schreckgespenster, gefräßige Werwölfe, teuflische Nachtmahre, gefallene Engel sowie Dämonen mit blutroten funkelnden Augen. Es folgte die große Schar der unerlösten Seelen, die Untoten, die sich mit stampfenden Beinen und rudernden Armen von der Erde in den Himmel hochschraubten.

Zwischen den Geistern treiben einige tierische Ungeheuer ihr Unwesen:  kläffende schwarze Hunde, heulende Rauhnachtswölfe, grässliche  Geistergäule, furchteinflößende Drachen und Einhörner, krächzende Raben, Monster aller Couleur.  Peitschen knallen, Befehle bellen, ein Gekreische und Geschreie, die reinste Kakofonie. 

Und dann erscheint sie: die Göttin in Himmel und auf Erden: Frau Holle, die Perchte, mit ihrem Frauenheer, unüberschaubar groß: verzauberte Prinzessinnen in rauschender Seide, wilde Amazonen auf feurigen Rossen, furchterregende Hexen auf sperrigen Besenstielen, bereit zum gestelzten Lufttanz. Wotan begrüßt die Göttin und ihr Gefolge ehrfurchtsvoll.

Die Unruhe wird immer ungezügelter und endlich bei der ersten fernen Dämmerung gibt Wotan das Zeichen zum Aufbruch. Die wilde Jagd beginnt. „Im Paradies“ wird die Luftstille zu einem Wind, der Wind entwickelt sich zum Sturm, die Sturmböen explodieren in einen Orkan. Das wilde Heer jagt über den Himmel, lässt die Erde erbeben, die Menschen erzittern.

Einige Späher beobachten genau, was sich auf der Erde tut. Halten die Menschen sich an die uralten Überlieferungen, die in der Zeit vom 24. Dezember bis 6. Januar beachtet werden müssen? Erstes Gebot: Absolute Ruhe! Alle Aktivitäten haben zu unterbleiben. Die Geister haben allein das Sagen. Die Menschen sollen das alte Jahr überdenken und sich auf das neue Jahr vorbereiten. Doch da! Da spaltet doch tatsächlich ein Mann Holzscheite auf dem Holzklotz. Einige Geister erhalten einen Wink von Wotan und schon sausen sie runter zur Erde, umkreisen den Mann mit Gebrüll, reißen ihm die Axt aus der Hand, den Hut vom Kopf. Er flüchtet ins Haus. Schnell zündet er eine Kerze an, stellt sie ins Fenster. Hoffentlich kann er damit die Geister besänftigen.

Alle Häuser, in deren Fenster eine Kerze leuchtet, werden von der wilden Jagd verschont. So sagt es der Volksmund. Die meisten Menschen befolgen das Gebot; manche meinen es besonders gut, sie lassen ihr Haus von einem ganzen Lichtermeer anstrahlen. Ach, diese Menschen, sie müssen immer übertreiben. Das gefällt Wotan überhaupt nicht. „Blast die Lichter aus“, befiehlt er mit zorniger Stimme.  Aber diese lassen sich nicht auspusten. Und so toben die Wilden durch die Glühbirnen, durch die Kabel, hinterlassen ein wüstes Chaos, bis das Haus dunkel ist, stockfinster.

Auch Frau Holle späht nach unten. Da! Da hängt doch tatsächlich Wäsche auf der Leine. Es ist ein einsames Haus, irgendwo am Waldrand. Dabei wissen doch alle Frauen, dass man in der heiligen Zeit keine Wäsche waschen darf und erst recht nicht draußen aufhängen. Schon sind einige Helferinnen unterwegs, stürmen in die Betttücher, verfangen sich in lange Unterhosen, zerreißen Pullover und Hosen. Sie werden nicht mehr weg kommen, müssen ein ganzes Jahr lang auf der Erde bleiben, denn die wilde Jagd ist längst weitergezogen.  Gutes bringen die Zurückgebliebenen den Bewohnern des Hauses nicht. Die Strafe für die Überschreitung des Verbots besteht in Pech und Unglück, Tag für Tag, das ganze Jahr hindurch.

Doch nicht nur Angst und Schrecken verbreitet das Gespensterheer. Dafür sorgt die Göttin Holle, die als Frau Holle im Märchen die bösen Menschen zwar bestraft, die guten aber reich belohnt. So hält sie Ausschau nach Menschen, die fleißig sind, hilfsbereit, bescheiden, liebevoll, einsam. Und wenn diese Menschen in einer Nacht zwischen den Jahren ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit verspüren, dann wissen sie, Frau Holle war bei ihnen, leise, geheimnisvoll, unsichtbar.

Die Göttin ist es, die Magie in die Zeit zwischen den Jahren bringt.

Sophie Lange



Eine Geschichte „Zwischen den Jahren“ gibt es hier




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