Freitag, 12. Januar 2018

Wo gibt's denn so was?


„Ich muss euch eine Geschichte erzählen, ihr werdet es nicht glauben.“ Margret hatte als Letzte am Kaffeetisch Platz genommen und lachte herzlich als Einleitung zu ihrer Geschichte. „Hat mir meine Freundin Irmi eben am Telefon erzählt: Ihr werdet es nicht glauben können.“
Johanna, Susanne und Gerda blickten auf ihren Kuchenteller und sahen dann Margret schweigend an. Die fasste das als Aufforderung auf und erzählte:
„Irmi wohnt ja auch in einer Seniorenresidenz und hat da etwas miterlebt … Irre.“
„Na,  nun erzähl‘ schon“, sagte Gerda.
„Also – Irmis Freundin Gitta hatte neue Nachbarn bekommen.“ Keine Neuigkeit in einer Seniorenresidenz, wo die Nachbarn häufig wechselten, dachten die anderen Drei.
„Gleich in der ersten Nacht wurde sie von einem heftigen Klappern in der Nebenwohnung hochgeschreckt. Sie hatte keine Ahnung, was los war. Auch durch Nachdenken kam sie nicht drauf, aber das Nachdenken verzögerte das Einschlafen gewaltig. Am nächsten Morgen um sieben Uhr – jetzt blickte sie auf die Uhr – klapperte es wieder. Eigentlich schlief diese Gitta gern länger, aber daran war nicht zu denken.
Sie nahm sich die Lagepläne der Wohnungen in der Residenz vor und das Klappern wurde verständlich: Genau neben dem Kopfende ihres Bettes lag das Badezimmer der Nebenwohnung. Womit geklappert wurde, wusste sie natürlich immer noch nicht.“
„Das war aber ärgerlich“, unterbrach Gerda die Schilderung.
„Es kommt noch schlimmer“, fuhr Margret fort. „Der Beginn einer langen Leidensgeschichte. Das Klappern wiederholte sich, mitten in der Nacht und am frühen Morgen. Was tun?“
„Ja, was macht man da? Beschweren“, meinte Johanna und guckte streng.
„Bei den Nachbarn klingeln und sie bitten, mit dem Klappern in der Nacht aufzuhören? Das hätte diese Gitta nie getan. Krach mit Nachbarn  – ein grässlicher Gedanke.  Jeden Tag dachte sie mit Grausen an die kommende Nacht. Dass auch tagsüber Geräusche aus der Nachbarwohnung kamen, das konnte sie ignorieren, sie ging einfach nicht mehr in ihr Schlafzimmer.“
„Wenn mir das passieren würde, ich wüsste nicht, was ich tun sollte“, Gerda seufzte.
„Nun, diese Gitta überlegte, was sie tun könnte: Eine andere Wohnung nehmen – aber der Umzug, in ihrem Alter, über achtzig … Ein Bettcouch kaufen und im Wohnzimmer schlafen? Verdammt teuer, diese Möbel.“
„Außerdem muss man erstmal Platz haben“, meinte die praktisch denkende Margret. „Aber“, fuhr sie fort, „die Couch brachte sie auf eine Idee: Sie würde sich ein Klappbett kaufen und darauf im Wohnzimmer schlafen. Dann hätte sie ihre Nachtruhe und könnte in aller Ruhe überlegen, was sie tun sollte. Das war dann Folgendes: Als erstes machte sie sich auf den Weg zum Büro des Geschäftsführers und legte ihm ihr Problem vor.“
„Und?“, fragte Johanna.
„Erste Antwort: So etwas haben wir noch nie gehabt.“
„Ja, erstmal abwehren, typisch“, Johanna hatte sich schon in Zorn gesteigert.
„Aber diese Gitta blieb hart. Sie müssen dafür sorgen, dass ich in meiner Wohnung die normale Nachtruhe habe – schließlich zahle ich eine üppige Miete. Man versprach ihr, sich zu kümmern – nächste Woche. Das Klappbett wurde geliefert, sie baute es auf, es sah gar nicht so übel aus. Das Klappbett selbst sah gar nicht so übel aus – aber ihr Wohnzimmer … Na, ja, war ja nicht für immer. Gitta richtete sich für ihre erste ruhige Nacht ein: Neben dem Klappbett eine Taschenlampe, der Notruf am Bande, der sonst um ihren Hals baumelte und ihr Kindle. Wie findet ihr das?“
An Kuchenessen war nicht mehr zu denken, das musste kommentiert werden.
Wie die drei anderen Damen das fanden, möchte ich hier lieber nicht wiedergeben. Jedes Statement endete mit den Worten: Das könnte hier im Haus am Kirchberg nicht passieren! 

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